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Losentscheid in Ahnatal: „Ich dachte, das ist ein Fehler auf der Anzeigentafel”

Stephan Hänes (SPD) ist zum Bürgermeister der Gemeinde Ahnatal bestimmt worden – per Losentscheid, nachdem die Stichwahl keine Entscheidung gebracht hatte. Wie er das kuriose Verfahren erlebt hat, berichtet Hänes im Interview mit demo-online.de.
von Carl-Friedrich Höck · 2. Dezember 2020
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DEMO: Die Bürgermeisterwahl in Ahnatal verlief äußerst ungewöhnlich. In der Stichwahl zwischen Ihnen und dem Amtsinhaber gab es ein Patt. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie davon erfahren haben?

Stephan Hänes: Ich konnte es erstmal gar nicht glauben und dachte, das ist ein technischer Fehler auf der Anzeigentafel. Dort stand: 50 Prozent für mich und 50 für den amtierenden Bürgermeister. Ich habe mich dann bei den politischen Mitstreitern rückversichert, und die sagten: Das stimmt! Es gab eine Stimmengleichheit von 2.106 zu 2.106. Der Wahlleiter war nun auch schon ganz aufgeregt. Da wusste ich: Es steht wirklich 50:50. Mein Ziel war es eigentlich immer, die 5 vorne stehen zu haben, weil ich dachte, dann hätte ich gewonnen. Aber nun hat es doch nicht gereicht.

Die hessische Gemeindeordnung sieht für solche Fälle einen Losentscheid vor. Wie bereitet man sich auf so ein Ereignis vor? Normalerweise führt man ja bis zur Entscheidung Wahlkampf.

Ich muss ehrlich sagen: Ich hatte ja die 50:50-Chance in der Tasche. Das war schon ein beruhigender Erfolg. Denn es ist gar nicht so einfach, gegen einen Amtsinhaber anzutreten, der mit 44 Jahren relativ jung und CDU-Kreisvorsitzender ist. Sein Bekanntheitsgrad war auch größer. Ich habe viele Stimmen in dem Ortsteil bekommen, aus dem ich herkomme. In den anderen beiden Ortsteilen war ich nicht ganz so stark.

Aber vor dem Losentscheid wusste ich auch: Ich muss nicht der Glückliche sein, ich kann auch Pech haben. Ich habe an dem Tag ganz normal gearbeitet und bin anschließend zum Gemeindezentrum gefahren. Dort habe ich mir relativ relaxt angeschaut, was jetzt passiert. Als mein Name gefallen ist, war es im Saal erstmal totenstill. Ich brauchte einen Moment um zu registrieren: Mensch, das bist ja du, auf dem Zettel steht Stephan Hänes! Darauf folgte natürlich erstmal Erleichterung und große Freude.

Wie muss man sich die Szenerie vorstellen im Gemeindezentrum? Mussten Sie sich wegen der Corona-Pandemie alleine mit Ihrem Konkurrenten und dem Wahlleiter um die Lostrommel versammeln?

Die Gemeinde Ahnatal hatte bis zu 50 Personen genehmigt, mit vorheriger Anmeldung und Hygienevorschriften. So konnten wir einige Mitstreiter, Freunde und Familienmitglieder einladen, ich habe auch meine beiden Kinder mitgenommen. Natürlich waren auch Medienvertreter da. Wir haben nur darum gebeten, während des Wahlvorgangs keine Filmaufnahmen zu machen. Das war von der Verwaltung alles sehr gut vorbereitet worden.

Ein Foto von diesem Abend zeigt Sie mit dem Amtsinhaber Michael Aufenanger. Sie wirken beide sehr gelöst. Wie haben Sie den Umgang mit Ihrem Konkurrenten wahrgenommen, als klar war: Wer Sieger wird, ist jetzt reine Glückssache?

Während des Wahlganges und davor war es wirklich so, wir waren beide sehr entspannt. Wir wussten ja auch: Wir haben keinen Einfluss mehr auf die Entscheidung, es kommt wie es kommt. Vorher haben wir uns noch kurz unterhalten und sind dann zusammen in den Saal hineingegangen. So ist dieses Foto entstanden.

Welche politischen Projekte wollen Sie als Bürgermeister zuerst angehen?

Ich will jetzt erstmal viele Gespräche führen: Mit den Mitarbeitern in der Verwaltung, dem Bauhof, mit den Vereinsvorsitzenden und den Mitarbeitern in den Kindergärten. Die Kindergärten waren ein Riesenthema bei uns im Wahlkampf. Ich will jetzt erstmal hören: Wie denken die Mitarbeitenden über die ganze Situation und wie können wir das zusammen anpacken? Denn das ist mir wichtig: Dass wir Ahnatal mit den Menschen zusammen gestalten.

 

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Autor*in
Porträtfoto Mann mit Brille und dunkelblonden Haaren
Carl-Friedrich Höck

ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.

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