Aktuelles

Nach Erdbeben in Türkei: Wie deutsche Kommunen Hilfe leisten

Sieben deutsche Kommunen haben eine Partnerstadt im türkischen-syrischen Erdbebengebiet. Was über die Städte, Feuerwehren und Vereine innerhalb kürzester Zeit an Katastrophenhilfen zustande kam, ist bemerkenswert.
von Uwe Roth · 4. März 2023
placeholder

Aalen im Ostalbkreis (Baden-Württemberg) hat knapp 70.000 Einwohner*innen. Die Partnerschaft zu Antakya besteht seit 1995. Sie ist die Hauptstadt der türkischen Provinz Hatay mit ihren 1,6 Millionen Einwohnern. Der Kulturclub Antakya-Aalen e. V. kümmert sich seither um die Pflege der Beziehung dieser beiden doch sehr unterschiedlichen Partner. Allein wegen der über 3.000 Kilometer-Distanz ist der kontinuierliche Austausch nicht unbedingt einfach.

Was ein solcher Club und andere Kulturvereine, in denen Menschen mit türkischen Wurzeln engagiert sind, gemeinsam mit der Stadt zu leisten vermögen, zeigte sich unmittelbar nach der Erdbebenkatastrophe: „Wir haben schon am 7. Februar die ersten beiden LKWs mit Hilfsgütern auf den Weg gebracht“, gibt ein Sprecher von Oberbürgermeister Frederick Brütting (SPD) Auskunft. Die Hilfsbereitschaft der Menschen aus der Region sei „wirklich überwältigend“. Viele aus der türkischen Community haben Verwandte in der Erdbebenregion.

137 Tonnen Hilfsgüter in kurzer Zeit auf den Weg gebracht

Hunderte ehrenamtliche Helfer haben Sachspenden sortiert und für den Transport fertiggemacht. Schnell sind die Lagerkapazitäten erschöpft gewesen. „Mittlerweile konnten wir 14 Lkws mit insgesamt rund 137 Tonnen Hilfsgütern nach Hatay bringen“, lautet die Zwischenbilanz des Rathaussprechers. „Diese Woche haben wir in der Türkei 26 Tonnen Lebensmittel gekauft, die bereits im Erdbebengebiet angekommen sind.“

Weitere Geldspenden, die aufs Konto des Deutschen Roten Kreuzes eingehen, sind für langfristige Aufbauprojekte gedacht. OB Brütting ist überwältigt: „Das ist eine unglaubliche Gemeinschafsaktion, die wir auf die Beine gestellt haben. Es haben so viele mit angepackt, das rührt mich und macht mich stolz auf unsere Stadt. Das ist ein Signal, das weit über unsere Stadtgrenzen hinaus bis nach Hatay strahlt“.

Städtische Feuerwehr vor Ort im Erdbebengebiet

Die großen Industrie-Städte Mannheim und Ludwigshafen sind für ihren starken türkisch-stämmigen Bevölkerungsanteil bekannt. Da war klar, dass erste Hilfsaktionen nicht lange auf sich warten ließen. Zumal wegen der langjährigen Integrationspolitik enge Kontakte zwischen der Community und den beiden Stadtverwaltungen bestehen. Menschen mit türkischen Wurzeln, die in zweiter oder dritter Generation in diesen Städten leben, sind inzwischen nicht mehr alle Beschäftigte der Industrie, sondern auch zum Teil erfolgreiche Unternehmer*innen, die im größeren Umfang Hilfe leisten wollen.

Ludwigshafen pflegt eine Partnerschaft zu der Stadt Gaziantep in Südostanatolien. Zwei Millionen Menschen leben in der schwer betroffenen Provinz. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) hat nach den ersten Katastrophenmeldungen in ihrem Büro als erstes Menschen versammelt, die helfen wollen. Eine zentrale Rolle nahmen die städtische Feuerwehr, die im Erdbebengebiet im Einsatz ist, und der Freundeskreis Ludwigshafen Gaziantep ein.

Hans-Uwe Daumann ist der Vorsitzende. Inzwischen sind auf seinem Spendenkonto 150.000 Euro eingegangen. „Die Beträge sind ganz unterschiedlich“, berichtet er. „Das können sieben Euro von einem Schüler sein, aber es sind auch Einzelspenden von Unternehmen bis zu 25.000 Euro darunter.“ Schüler*innen haben auf dem Schulhof Döner verkauft und die Einnahmen von 170 Euro gespendet. Zwei Container mit Hilfsgütern sind am Ziel eingetroffen. „Leider wissen wir nicht, wie diese verteilt werden“, bedauert Daumann. Für den Freundeskreis bleibe noch einiges zu tun.

„Servicestelle Kommunen in der Einen Welt” koordiniert

In der Datenbank der kommunalen Partnerschaften des Rats der Gemeinden und Regionen Europas (RGRE) sind 89 deutsche Kommunen mit Verbindungen in die Türkei registriert – davon haben sieben eine Partnerstadt im Erdbebengebiet. Mit zwei Projekten unterstützt die Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) deutsch-türkische kommunale Partnerschaften. Die Stadt Mannheim kooperiert seit vielen Jahren im Rahmen ihrer von der SKEW geförderten Projektpartnerschaft mit der türkischen Kilis. Die Stadt liegt in der Erdbebenregion in direkter Grenznähe zu Syrien und hat selbst zahlreiche Verletzte und auch Todesopfer zu beklagen.

Mannheim übernimmt derzeit die Funktion eines „Logistikzentrums“, aus dem Hilfe für die noch stärker betroffenen Gebiete organisiert und koordiniert wird. Gemeinsam mit dem Arbeitskreis Islamischer Gemeinden Mannheim (AKIG) und dem Verein „Mannheim hilft ohne Grenzen“ hat die Stadt Mannheim ein Spendenkonto eingerichtet. Oberbürgermeister Peter Kurz (SPD) versicherte seinen Amtskollegen Servet Ramazan: „Die Stadt Mannheim steht in dieser schweren Zeit fest an der Seite der Menschen in Kilis. Bitte zögern Sie nicht uns wissen zu lassen, wie wir Sie bei der Bewältigung dieser schweren Herausforderung unterstützen können.“

Autor*in
Uwe Roth

ist freier Journalist. Er ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung und dort im Redaktionskreis für eine DIN Einfache Sprache. Webseite: leichtgesagt.eu

0 Kommentare
Noch keine Kommentare