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Städte brauchen viel Grün gegen Tropenhitze

Nicht High-Tech, sondern natürliches Grün ist der beste Schutz vor Hitze in Innenstädten. Das belegt eine Studie des Bundesumweltamts. Sollten die sommerliche Temperaturen weiterhin in Richtung Subtropen steigen, reicht das nicht aus.
von Uwe Roth · 5. Juli 2022
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Zwischen Häuserfassaden sind in praller Sonne 40 Grad Celsius schnell erreicht. Passanten überqueren offene Plätze schweißgebadet und schwer atmend. Alte Menschen bleiben besser zuhause. Aber auch dort ist es alles andere als kühl, wenn rund ums Haus Bäume fehlen, die Schatten spenden. Das Umweltbundesamtes (UBA) hat jetzt eine Studie veröffentlicht, die bestätigt, dass es für mehr Grün kaum bessere Alternativen gibt, um den Klimawandel in Städten erträglicher zu machen.

UBA-Präsident Dirk Messner kommentierte das Ergebnis der Untersuchung so: „Wir sind dem Hitzeinseleffekt nicht schutzlos ausgeliefert. Mit deutlich mehr Grün, vor allem neuen Bäumen und mehr Verschattung durch außenliegenden Sonnenschutz sowie Dach- und Fassadenbegrünung, lässt sich der Aufenthalt im Freien und die Temperaturen in den Wohnungen wesentlich angenehmer gestalten. Neben neuen Bäumen müssen wir vor allem den alten Baumbestand in den Städten schützen – und ihn bei anhaltender Trockenheit regelmäßig bewässern.“

Bäume mit großen Kronen sind besonders wertvoll

Die Studie war international angelegt und trägt den Titel „Nachhaltige Gebäudeklimatisierung in Europa – Konzepte zur Vermeidung von Hitzeinseln und für ein behagliches Raumklima“. Die Wissenschaftler*innen untersuchten fünf Quartiere mittels Simulationen im Mikroklima, um Potenziale für Verbesserungen herauszufinden. Neben drei Quartieren in Deutschland (Hamburg, Köln und Frankfurt am Main) wurde jeweils eines in Madrid und Tunis untersucht. Die thermische Behaglichkeit im Außenraum wurde mittels der Physiologisch Äquivalenten Temperatur (PET) beurteilt.

Die Messdaten haben laut UBA ergeben, dass Bäume mit großen Kronen besonders positive Effekte erzielen. Gleiches gilt für Verschattungselemente wie Markisen und Schirme, die im Sommer eine Minderung der PET um zehn ⁠Grad⁠ und mehr bewirkten. Auch die Begrünung von Dächern, das Versprühen von Wasser und helle Anstriche der Gebäude habe das Mikroklima im Quartier verbessert, heißt es in der Studie. „Insgesamt konnten die Bestandsquartiere durch die untersuchten Maßnahmen wesentlich widerstandsfähiger gegenüber sommerlicher Hitze gestaltet werden“, stellt Messner fest. Das habe sich ebenso positiv auf die Temperaturen in den Häusern und Wohnungen ausgewirkt.

Empfehlung lautet Flächenkühlsysteme

Neben der Widerstandsfähigkeit gegen den Klimawandel wurde laut der Studie der Energiebedarf der Quartiere untersucht. Mittels verbesserter Dämmung, Verschattung der Fenster, und kontrollierte Belüftung lässt sich demnach auch Energie für Kühlung einsparen. Allerdings konnte in der Simulation nur für Tunis tatsächlich Klimaneutralität erreicht werden. In den europäischen Quartieren war dagegen eine Energiezufuhr von außen weiterhin notwendig. Die Wissenschaftler*innen nennen als Grund: „Der Bedarf an Haushaltsstrom ist in Europa deutlich größer und die Gewinnung von Solarstrom dagegen schwieriger, weil das Verhältnis von Geschoss- zur Dachfläche ungünstiger ist als in Tunis.“

Weitere Erkenntnisse der Studie sind: Durch Verschattung im Außenraum und an den Gebäuden sei der Bedarf an Klimatisierung „deutlich gesenkt“. In subtropischen Quartieren (Jahresdurchschnitt zwischen 18 und 22 Grad Celsius) war eine maschinelle Klimatisierung weiterhin nötig, um dauerhaftes Schwitzen zu vermeiden. Auch in gemäßigten Breiten stiegen in exponierten Lagen wie zum Beispiel in Dachgeschosswohnungen trotz Wärmeschutzmaßnahmen nicht selten die Temperaturen auf über 27 Grad Celsius. Lediglich im Quartier in Hamburg war für durchgängig behagliche Temperaturen keine Klimaanlage nötig gewesen. Beim Einsatz von Klimaanlagen empfehlen die Wissenschaftler*innen,  aus Klimaschutzgründen Flächenkühlsysteme Kälteerzeuger mit natürlichen Kältemitteln zu verwenden.

Tropennächte nehmen zu

Das Phänomen deutlich höherer Temperaturen in Städten gegenüber dem Umland wird als „Urbaner Hitzeinseleffekt“ bezeichnet. Dieser tritt ganzjährig auf und ist in Sommernächten besonders stark. Die Tropennächte mit mindestens 20 Grad nehmen zu. Dies belastet insbesondere die sogenannten vulnerablen Gruppen in stark verdichteten Innenstädten. Zu diesen zählen Senioren und chronisch kranke Menschen.

Gründe dafür sind großflächige Bodenversiegelungen sowie fehlende Begrünung in Städten, was eine deutlich herabgesetzte Kühlung durch ⁠Verdunstung⁠ nach sich zieht. Auch die sich aufheizende Bebauung insbesondere mit dunklen Flächen wie etwa Asphalt, die herabgesetzte Luftzirkulation und sogenannte anthropogene Wärmequellen wie Motorabwärme tragen zur Hitzeinselbildung in Städten bei.

Autor*in
Uwe Roth

ist freier Journalist. Er ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung und dort im Redaktionskreis für eine DIN Einfache Sprache. Webseite: leichtgesagt.eu

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