Natur versus Nachverdichtung

Wie Städte mehr öffentliches Grün schaffen können

Susanne Dohrn 17. Februar 2023
Eintritt frei: Der Loki-Schmidt-Garten (Botanischer Garten der Universität Hamburg) ist eine grüne Oase im Westen der Stadt und auch im Spätherbst wunderschön.
Bäume und Grünflächen machen eine Stadt im Klimawandel (über)lebensfähig. Doch wie können Städte grüner werden, wenn es doch überall an Platz fehlt? Antworten wurden auf der Jahrestagung des Verbandes der Garten- und Landschaftsbauer vorgestellt.

Eine Stadt, die fit ist für den Klimawandel, braucht öffentliches Grün: nicht nur hier und da, sondern möglichst viel und von hoher Qualität, nicht nur in den ohnehin vom Einkommen begünstigten Stadtteilen mit ihren wohlgestalteten Parks und Gärten, sondern auch dort, wo die Einkommen spärlicher ausfallen und die Wohnungen nicht einmal über einen Balkon verfügen. Die Hitzetage werden zunehmen, ebenso die Starkregenfälle. Für Kühlung und Verdunstung im Sommer braucht eine Stadt große Bäume, begrünte Dächer und Fassaden. Um viel Regenwasser aufzunehmen braucht sie geeignete Frei- und Grünflächen.

Der Fachverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. in Hamburg hat das erkannt und das Thema grüne Stadt zum Thema seiner Jahrestagung gemacht. Es kamen nicht nur Gartenbauer, sondern auch viele Vertreter*innen von Behörden und Baugenossenschaften, denn das Thema brennt allen Kommunen unter den Nägeln.

Innenverdichtung versus städtisches Grün

„Corona hat gezeigt, wie wichtig ein grünes Umfeld in der Stadt ist“, betonte der Eröffnungsredner Staatsrat Michael Pollmann. Hamburg steckt, wie nahezu alle Städte in einem Zwiespalt. Neue Wohnungen werden dringend gebraucht, trotzdem soll das städtische Grün nicht unter die Räder kommen. „Freiflächen stehen enorm unter Druck“, gibt Pollmann zu.

Um die Siedlungsentwicklung bei gleichzeitigem Schutz des Stadtgrüns zu ermöglichen, habe der Senat einen „Vertrag für Hamburgs Stadtgrün“ beschlossen. Er garantiert, dass bestimmte Flächen nicht bebaut werden dürfen. Dazu gehören beispielsweise die zwölf Landschaftsachsen, die vom Umland bis in die Innenstadt reichen. Derzeit würden die öffentlichen Grünanlagen erfasst und es werde errechnet, wie viel Geld notwendig sei, um sie dauerhaft zu erhalten und in Wert zu setzten, so Pollmann.

Häuser mit grüner Haut

Weithin sichtbares Symbol der grünen Stadt wird in Hamburg der Hochbunker auf St. Pauli. Der graue Betonklotz aus dem Zweiten Weltkrieg bekommt gerade eine „grüne Haut“. Ein Leuchtturmprojekt nannte es der Landschaftsarchitekt Philipp Sattler von der Stiftung „Grüne Stadt“. Vorbild sind die bewachsenen Zwillingstürme in Mailand, auch „Bosco verticale“ genannt, senkrechter Wald.

Fast 5.000 Pflanzen sollen den Bunker begrünen: sein Dach, seine Wände und die Rampe, die aufs Dach hinaufführt – ein öffentlich zugängliches Gebäude, das weithin sichtbar den Weg in eine klimaneutralere Zukunft weisen soll. Gebäude mit „grüner Haut“ müssen beim Stadtumbau im Klimawandel Leitmotiv werden, forderte Sattler. Auf die Kosten eines solchen Leuchtturmprojekts angesprochen betonte er: Angesichts des Klimawandels werde Nichtstun langfristig die höchsten Kosten verursachen.

Platanen-Rettung mit der Säge

Große Stadtbäume sind bedrohte Schätze. Hitze und Trockenheit machen ihnen stark zu schaffen. Das gilt auch für die Platanen auf dem Berliner Ku‘damm. Trotz der ungewöhnlichen Widerstandsfähigkeit von Platanen gegen die Unbilden von Verkehr und Luftverschmutzung war ihr Überleben gefährdet. Die einen hatten nicht genug Platz für ihr Kronenwachstum, bei anderen war ein Teil der Äste schon abgestorben, weil sie über dem U-Bahn-Tunnel in einer gerade mal 80 Zentimeter dicken Erdschicht wachsen.

Berlin ging einen ungewöhnlichen Weg, um die Platanen zu retten, wie Hartmut Balder referierte, emeritierter Professor der Berliner Hochschule für Technik und Geschäftsführer Institut für Stadtgrün in Falkensee. Die Platanen wurden stark beschnitten. Auf diese Weise hätten die Bäume erhalten werden können, so Balder.

Wildbienen und wilde Ecken

Die aufgeräumte Stadt mit ihren gepflegten, einmal wöchentlich gemähten Rasenflächen und exakt bemessenen Blumenbeeten gelten in vielen Städten immer noch als Maßstab schöner Stadtgestaltung. Dass es auch anders geht, dafür warb Oliver Daxauer. „Bei jedem Mähen einer Rasenfläche werden mehr als 80 Prozent der Insekten vernichtet“, so der Experte für naturnahe Lösungen in der Landschaftsgestaltung.

Er riet dazu, auf trockenen Böschungen zwischen das noch vorhandene Gras Wildstauden zun pflanzen und die Fläche nur noch zwei- bis dreimal im Jahr zu mähen. Der geringe Pflegeaufwand spare Kosten und helfe der Artenvielfalt. Er warb für den Erhalt offener Bodenstellen. Oft würden dort Wildbienen nisten, erkennbar an kleinen Löchern im Boden und Sandhügeln. Solche Flächen müssten unangetastet bleiben, um die Nester zu erhalten. Daxauer warb dafür, Artenreichtum in Gewerbegebieten zu schaffen, mit naturnahen Staudenmischungen, Totholzstapeln, „wilden“ Ecken, Beerensträucher zum Naschen für die Mitarbeiter. Daxauer: „Wir haben 19.000 Garten- und Landschaftsbaubetriebe in Deutschland. Wenn jeder Betrieb nur 500 Quadratmeter Naturgarten im Jahr anlegen würde, wären das 9,5 Quadratkilometer im Jahr.“

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