Wie Crowdfunding für Kommunen funktioniert

Bürger können Projekte in ihrer Kommune direkt mitfinanzieren – und erhalten das Geld später mit Zinsen zurück. In Oestrich-Winkel funktioniert dieses Modell. Anderswo hat die Finanzaufsicht das Crowdfunding ausgebremst.
von Irmela Heß · 18. Mai 2016
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Es hört sich sinnvoll an: Städte mit kleinem finanziellen Spielraum leihen sich von ihren Bürgern Geld und setzen damit ein Projekt um. Die Vorteile: Etwas Erwünschtes wird Wirklichkeit, die Geldgeber wissen, was mit ihrem Geld passiert – und sind vielleicht sogar stolz auf das, was mit ihrer Hilfe realisiert wurde. Seit 2011 gibt es für solche Vorhaben die Online-Plattform „LeihDeinerStadtGeld“ der CrowdDesk GmbH in Frankfurt, gegründet von Steffen Boller, Johannes Laub und Jamal El Mallouki als „bürgerschaftliche und unternehmerische Antwort auf die weltweite Finanzkrise“.

Niedrige Zinsen hemmen Nachfrage

2012 wurde im hessischen Oestrich-­Winkel ein erstes Projekt finanziert, seitdem aber keines mehr. Den Grund dafür sieht El Mallouki im zurzeit niedrigen Zinsniveau: „Das führt dazu, dass die Kommunen einen sehr niedrigen Zins anbieten müssten. Dies trauen sich die politisch Verantwortlichen nicht, da der Eindruck der Übervorteilung bei der ­Bürgerschaft entstehen könnte.“

Mit mehr Erfolg läuft das ähnlich strukturierte Angebot: „LeihDeinerUmweltGeld“. Seit dem Start in 2013 wurden 22 Projekte verschiedener Initiatoren mit einem Investitionsvolumen von knapp 45 Millionen Euro umgesetzt, unter anderem Photovoltaik- und Windkraftanlagen, Blockheizkraftwerke und eine Biogasveredelungsanlage. „LeihDeinerStadtGeld“ und „LeihDeinerUmweltGeld“ funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Statt dass die Kommune oder der Projektinitiator sich das benötigte Geld bei einer konventionellen Bank leihen, wird es bei Bürgerinnen und Bürgern (per Online-Plattform) geborgt. Viele geben jeweils eine geringe Summe im Verhältnis zum benötigten Gesamtkapital – der Fachbegriff lautet Crowdfunding oder auch Schwarmfinanzierung – und erhalten dafür eine Vergütung. Das Risiko ist abhängig vom Emittenten (also der umsetzenden Kommune oder Organisation), wobei die deutschen Kommunen, die Bundesländer und der Bund weltweit zu den sichersten Schuldnern gehören.

Der Zinssatz ist abhängig vom Projekt, von der Kommune und dem jeweiligen Zinsumfeld. „Aktuell zahlen Kommunen für einen 10-jährigen Kommunalkredit ungefähr 1,50 Prozent pro Jahr Zinsen“, sagt Jamal El Mallouki. Und erklärt: „Durch die Bereitstellung unserer Plattformen ermöglichen wir einen rechtlich sicheren Prozess zur Abwicklung von Bürgerbeteiligungen. Wir betreuen die Initiatoren, bereiten die konkrete Ausgestaltung vor, helfen bei der Vermarktung und sind erster Ansprechpartner für Bürgerinnen und Bürger. Wir übernehmen die Verwaltung der Verträge und die Koordinierung der Zins- und Tilgungsleistungen.“ „LeihDeinerStadtGeld“ finanziert sich aus einer einmaligen und jährlichen Service-Gebühr, die projekt­abhängig zwischen 0,20 und 0,50 Prozent beträgt.

Kommunales Crowdfunding gab es schon vorher

Ganz neu war die Idee 2011 nicht: Schon 2009 sammelte die Stadt Quickborn in Schleswig-Holstein in kurzer Zeit rund vier Millionen Euro bei ihren Bürgern, zahlte drei Prozent Zinsen für ein Jahr. Doch die Finanzaufsicht stoppte das Unterfangen mit dem Argument, dies sei ein Bankgeschäft, das von Kommunen nicht betrieben werde dürfe. Quickborn schaltete daraufhin für zwei weitere Bürgerdarlehen eine Bank dazwischen. Wer Geld ausleihen wollte, musste ein Konto bei der Bank eröffnen, der Mindestbetrag lag bei 5000 Euro pro Bürger. Mit diesen Bedingungen blieb der große Erfolg aus.

El Mallouki und seine Partner wollten mit ihrer Online-Plattform die Sache vereinfachen, sprachen mit der Finanzaufsicht, mit Bürgermeistern und Kämmerern. In Oestrich-Winkel hat man gute Erfahrungen mit „LeihDeinerStadtGeld“ gemacht. Mit dem Bürgerkredit wurden neue Funkgeräte für die Freiwillige ­Feuerwehr angeschafft. Rund 100.000 Euro lieh man sich damals, versprach sich davon viel: „Erstmals haben wir die Chance, die Bürgerbeteiligung vor Ort zu stärken und gleichzeitig den städtischen Haushalt zu entlasten“, freute sich 2012 der Erste Beigeordnete Michael Heil, der heute Bürgermeister ist. Ja, theoretisch könne man sich erneut eine solche Finanzierung vorstellen, heißt es aus der Verwaltung heute, aber man habe bisher kein geeignetes Projekt dafür.

Auch wenn bisher nur dieses eine Projekt umgesetzt wurde: El Mallouki und seine Kollegen wollen „LeihDeinerStadtGeld“ weiterführen. „Die Zinssätze werden sich im Rahmen der neuen Eigenkapitalregeln für Banken (Basel III) für Kommunen ändern. Und wir arbeiten an Kooperationen mit Marktteilnehmern.“

 

leihdeinerstadtgeld.de

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