Thüringen

Onno Eckert: Wie der Gothaer Landrat der AfD Paroli bietet

Kai Doering16. Mai 2024
Onno Eckert vor seinem Büro in Gotha: „Landrat zu sein, ist der beste Job, den ich mir vorstellen kann.“
Gotha ist ein roter Fleck im CDU- und AfD-dominierten Thüringen. Onno Eckert ist hier seit 2018 Landrat und will Ende Mai wiedergewählt werden. Doch der Ton im Wahlkampf ist deutlich rauer geworden.

In der vierten Runde platzt Onno Eckert die Kragen. Der Landrat des Landkreises Gotha steht in der Aula einer Gesamtschule und stellt sich den Fragen von Jugendlichen.

„Gotha diskutiert“ heißt das Format, zu dem der Kreisjugendring eingeladen hat. Die jungen Leute sollen einen Eindruck von den Kandidat*innen für die Landratswahl bekommen. Es ging los mit einer Schnell-Frage-Runde, dann mussten sich die Kandidat*innen zu verschiedenen Thesen äußern und schließlich in einer zweiminütigen Rede erklären, warum sie die beste Wahl als Landrat sind.

In der abschließenden vierten Runde können nun die Jugendlichen Fragen stellen. Ein Mädchen mit Kopftuch steht auf. Sie sei vor sechs Jahren nach Deutschland gekommen, sagt sie. Nun will sie vom AfD-Kandidaten wissen: „Was muss ich aus der Sicht Ihrer Partei tun, um zu Deutschland zu gehören?“

Der Kandidat guckt etwas verdattert, dann lobt er die junge Frau. „Toll, was Sie geleistet haben. Herzlich willkommen!“ Und im Übrigen sei ihm ja egal, „woher die Leute kommen“.

Als er anfing, war er der jüngste Landrat Deutschlands

Da hält es Onno Eckert nicht mehr aus. „Sie wissen aber schon, in welcher Partei Sie sind?“, schleudert der Sozialdemokrat dem AfD-Mann entgegen. „Ihre Partei redet ganz offen von Remigration.“ Seit den Recherchen über ein Treffen in Potsdam, die die Plattform „Correctiv“ Anfang des Jahres veröffentlicht hat, ist das Konzept der massenweise Ausweisung vor allem von Menschen mit Migrationshintergrund auch einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland bekannt. In der Aula der Gothaer Gesamtschule erhält Onno Eckert Szenenapplaus.

Als er sich im April 2018 in der Stichwahl mit 67 Prozent gegen den Bewerber der CDU durchsetzte, war Onno Eckert der jüngste Landrat Deutschlands. Damals war er 33 Jahre alt. Sechs Jahre später ist er immer noch der jüngste Landrat Thüringens und strebt eine zweite Amtszeit an.

Am 26. Mai wird gewählt. „Mein Alter ist inzwischen nur noch selten ein Thema“, sagt Eckert und lacht. Vor den Schüler*innen in der Gesamtschule scheint sich der 39-Jährige dennoch sichtlich wohlzufühlen.

Ein Leitbild als Zwischenziel der ersten Amtszeit

Dass er auch staatstragend sein kann, hat Eckert ein paar Stunden zuvor gezeigt. Da stand die Vorstellung des Leitbilds für das Landratsamt an. Es soll den rund 670 Mitarbeiter*inne künftig als Richtschnur dienen. Vor Eckert sitzen Vertreter*innen der lokalen Presse. Zwei Coaches, die den Prozess begleitet haben, erklären, wie das Leitbild im vergangenen halben Jahr von freiwilligen Mitarbeiter*innen erarbeitet wurde. Dann ergreift Onno Eckert das Wort.

„Braucht unser Landratsamt ein Leitbild? Das ist eine Frage, die ich mir schon kurz nach der Amtsübernahme gestellt habe“, sagt er. Zwar sei die Antwort für ihn schnell klar gewesen, doch den Prozess zur Erarbeitung eines solchen Leitbilds schon 2018 anzustoßen, kam für Eckert nicht infrage. „Das wäre nicht hilfreich gewesen.“

Danach verzögerte die Bewältigung der Corona-Pandemie vorgesehene Schritte. Aber eigentlich passt die Vorstellung des Leitbilds jetzt, kurz vor der Wahl auch ganz gut, findet Onno Eckert. „Es soll ein Zwischenziel meiner ersten Amtszeit sein.“

„Der beste Job, den ich mir vorstellen kann.“

Aus der konkreten Erarbeitung habe er sich bewusst herausgehalten, sagt er. „Auch wenn es manchmal schwerfiel.“ Doch es sei eben nicht sein persönliches Leitbild, sondern das der Mitarbeiter*innen. „Wir arbeiten bürgernah“, haben sie sich vorgenommen und: „Wir sind ein Team und achten aufeinander.“

Insgesamt fünf Punkte haben die Mitarbeiter*innen des Landratsamts aufgeschrieben. „Damit muss nun aber auch etwas passieren“, sagt Onno Eckert. „Das darf nicht in der Schreibtischschublade verschwinden.“ Dabei lässt der Landrat keinen Zweifel daran, dass er alles tun wird, dass es nicht dazu kommt.

„Landrat zu sein, ist der beste Job, den ich mir vorstellen kann“, sagt Eckert etwas später. Bevor er es 2018 wurde, arbeitete der studierte Jurist als persönlicher Referent des Präsidenten beim Thüringer Landesverwaltungsamt. Zuvor war er drei Jahre ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde Crawinkel in der Nähe von Gotha. Eckert lebt hier mit seiner Partnerin und dem gemeinsamen Sohn. 1996 waren Eckerts Eltern aus Duisburg mit ihm und seiner Schwester nach Crawinkel gezogen. Er war damals elf Jahre alt.

Gotha – der rote Fleck in Thüringen

Heute ist Onno Eckert Thüringer durch und durch. In Crawinkel ist er stellvertretender Ortswehrleiter bei der Freiwilligen Feuerwehr. Als Schiedsrichter kennt er die Fußballplätze im Landkreis so gut wie die Rathäuser. „Aber wenn ich am Rhein stehe und die Motoren der Binnenschiffe höre, dann kriege ich schon mal Pipi in die Augen“, gesteht Eckert. Auch beim MSV Duisburg, dem traditionsreichen Fußballverein seiner Geburtsstadt, ist er Mitglied.

Wenn man sich die politische Landkarte Thüringens ansieht, sticht Gotha als roter Fleck heraus. Seit 2006 regiert der Sozialdemokrat Knut Kreuch als Oberbürgermeister die Stadt, Matthias Hey sitzt seit 2009 für die SPD als direkt gewählter Abgeordneter im Thüringer Landtag.

In Gotha wurde 1875 mit der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) einer der Vorgänger der SPD gegründet und 2018 wurde mit dem Wahlsieg Onno Eckerts auch der Landkreis Gotha rot. So soll es auch nach dem 26. Mai bleiben.

Hoffnung auf einen Sieg im ersten Wahlgang

Dafür macht Onno Eckert folgende Rechnung auf: „Wenn ich die Umfragewerte von AfD und CDU für die Landtagswahl zugrunde lege, kommt der AfD-Kandidat etwa auf 30 Prozent und die CDU-Kandidatin auf 20. Es bleiben also 50 Prozent für mich.“

Natürlich weiß Eckert, dass diese Rechnung viele Unbekannte hat, ganz abwegig klingt sie aber nicht. „Wer weiß, vielleicht gelingt es mir sogar, dass ich die Wahl im ersten Wahlgang für mich entscheiden kann und nicht in die Stichwahl muss“, sagt Eckert selbstbewusst.

Als Amtsinhaber ins Rennen zu gehen, sei aber schon anders als 2018, gibt er zu. Positiv sei auf jeden Fall der Amtsbonus. Auf der anderen Seite stehe er als Landrat viel mehr unter Beobachtung, müsse immer aus seinem Amt heraus agieren. „Da muss ich aufpassen, dass die Lockerheit nicht verloren geht.“

Und noch etwas ist anders als 2018: „Es werden viel mehr Plakate zerstört als vor sechs Jahren“, hat Onno Eckert beobachtet. Die Stimmung in der Bevölkerung werde rauer.

Die Demokratie verteidigen

Den Angriff auf den SPD-Europaabgeordneten Matthias Ecke in Dresden hat Onno Eckert natürlich auch mitbekommen. Seinen eigenen Wahlkampf ändern wird er deshalb aber nicht. „Das Amt schützt mich“, ist eine Hoffnung des Landrats.

Trotzdem bleibt auch ein Hauch von Unsicherheit, bei Onno Eckert, aber auch in seinem persönlichen Umfeld. Als ein paar Kilometer weiter das Wohnhaus eines SPD-Kommunalpolitikers in Waltershausen in Brand gesteckt wurde, da war die eigene Sicherheit ein Thema in der Familie des Landrats.

„Bis dahin wäre es für meine Partnerin undenkbar gewesen, über Kameras am Wohnhaus nachzudenken. In dem Moment entschlossen wir uns als erstes mal die Rauchmelder zu überprüfen“, erzählt Eckert.

Der Überfall auf Matthias Ecke ist auch Thema als Onno Eckert am Gothaer Hauptmarkt den Staffelstab der „Tour de Demokratie“ entgegennimmt. Die „Gesellschaft zur Erforschung der Demokratie-Geschichte“ hat sie zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes ins Leben gerufen.

Die Tour soll auf 20 Etappen von Weimar nach Bonn „Menschen aus dem gesamten gesellschaftlichen Spektrum“ miteinander verbinden. An jeder Station wird die im Staffelstab enthaltene Schriftrolle mit einem Bekenntnis zu den Grundwerten von einer anderen Person unterschrieben. In Gotha ist es neben dem Vorsitzenden des DGB Onno Eckert.

„Wir können den Wert des Grundgesetzes nur erahnen“, sagt der Landrat als er den Staffelstab entgegennimmt. Angriffe auf Demokrat*innen wie der auf Matthias Ecke zeigten, wie zerbrechlich die Werte der Verfassung seien. „Die Demokratie ist nicht selbstverständlich und sie war lange nicht solchen Risiken ausgesetzt wie heute“, sagt Eckert. Und es wird deutlich, dass er wild entschlossen ist, sie zumindest in und um Gotha zu verteidigen.

Dieser Text ist zuerst auf vorwaerts.de erschienen.

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