Nach der Überschwemmung

Im Ahrtal gibt es wieder Trinkwasser und Strom, aber auch noch viel zu tun.
von Irmela Heß · 22. Oktober 2021
placeholder

Als Günter Kern Anfang August das Ahrtal besuchte, war er erschüttert. „Ich hatte das Geschehen im Fernsehen verfolgt, aber es war etwas anderes, vor Ort zu sein. Es war, als käme ich in ein Kriegsgebiet. Nur traurige, verstörte und hoffnungslose Gesichter“, erinnert sich der ehemalige Landrat des Rhein-Lahn-Kreises und frühere Staatssekretär im Ministerium des Innern, für Sport und Infrastruktur. Mitte Juli waren nach ungewöhnlich großen Regenmengen in verschiedenen Regionen Bäche und Flüsse über die Ufer getreten, hatten Dörfer und Straßen überflutet, Häuser, Brücken und Autos mit sich gerissen. Große Gebiete wurden verwüstet. Allein im Ahrtal kamen 134 Menschen ums Leben, rund 42.000 waren und sind im Kreis Ahrweiler von der Flutkatastrophe betroffen.

Schnelle Soforthilfe

Noch im Juli beschloss die Landesregierung Rheinland-Pfalz, den betroffenen Menschen eine Soforthilfe von bis zu 3.500 Euro pro Haushalt und 5.000 Euro pro Betrieb zu zahlen, damit Menschen kurzfristig Geld für das Nötigste hatten. Ende August meldete Ministerpräsidentin Malu Dreyer: „2.353 Unternehmen haben Stand 27. August rund 11,765 Millionen Euro erhalten.“ Bis Mitte September wurden mehr als 33,3 Millionen Euro an Soforthilfe für Privathaushalte bewilligt. Seit dem 27. September können die Opfer der Flutkatastrophe Anträge für Wiederaufbauhilfe stellen. Bereits am ersten Tag sind fast 2000 Anträge eingegangen.

Außerdem gründete die Landesregierung eine Wiederaufbau-Organisation, mit Günter Kern als Vor-Ort-Beauftragtem und Innenstaatssekretärin Nicole Steingaß (SPD) als Leiterin. Ihr Fazit nach den ersten Wochen: „In der Wiederaufbauorganisation erarbeiten Fachleute aus verschiedenen Bereichen des Innenministeriums und aus dem Umweltministerium, dem Wirtschaftsministerium und dem Finanzministerium Lösungen für die vielfältigen Fragestellungen des Wiederaufbaus. Gemeinsam und in engem Austausch mit den Kommunen befassen sie sich unter anderem mit dem Förderwesen, den Finanzen und mit den Rechtsfragen des Wiederaufbaus. Diese Struktur hat sich bislang gut bewährt.“ Bewährt hat sich auch, dass der Sozialdemokrat Günter Kern mit seinem Team in der Kreisverwaltung Ahrweiler ein Büro bezog und den Menschen als „Auge, Ohr und starke Schulter“ zur Verfügung steht, wie Malu Dreyer bei seiner Vorstellung sagte. Er beantwortet Fragen, vermittelt Kontakte, hilft beim Planen, etwa wenn es um den möglichen Wiederaufbau eines Hauses, um Ersatzbauflächen oder Versicherungszahlungen geht. Hilfreich sei die gute Kommunikation mit dem Ministerium, sagt er zufrieden. „Die Zusammenarbeit aller Beteiligten funktioniert prima.“

Noch keine Gasversorgung

Rund zwei Monate nach der Katastrophe ist vieles aufgeräumt und gesäubert, Häuser sind abgerissen, Schrottautos entsorgt, Berge von Abfall und Schutt beseitigt, Straßen und Brücken teils provisorisch hergestellt. Die Stromversorgung ist gesichert, die leitungsgebundene Trinkwasserversorgung fast überall wiederhergestellt. In einigen Orten kommt das Brauchwasser noch aus Notbrunnen. Die Gasversorgung wird wohl bis zum Winter nicht in allen Haushalten funktionieren – und es wird auch noch dauern, bis die Abwasserinfrastruktur wieder steht. In Mayschoß arbeitet eine mobile Kläranlage. Ansonsten läuft das Abwasser Mitte September ungeklärt in Ahr und Rhein. Messungen ergeben aber bis dahin keine auffällige Belastung der Gewässer.

Um den Wiederaufbau zu finanzieren, stellen Bund und Länder für die deutschen Katastrophengebiete 30 Milliarden Euro bereit, 15 Milliarden davon für Rheinland-Pfalz. Nicole Steingaß: „Es wird viele Hände brauchen, die den Wiederaufbau stemmen, etwa Handwerker, Architekten und Ingenieure. Dieses Fachpersonal zu finden, ist eine Herausforderung. Deshalb müssen wir eng mit den Kammern und dem Handwerk zusammenarbeiten.“ Das Zulassungsverfahren für Ersatzbaugebiete soll vereinfacht werden, dafür setzt sich die rheinland-pfälzische Landesregierung beim Bund ein. Und Ministerpräsidentin Malu Dreyer hat angemahnt, intensiv über eine Pflichtversicherung gegen Elementarschäden nachzudenken.

Günter Kern, der eigentlich schon im Ruhestand war, wird zunächst bis Ende des Jahres vor Ort als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Er sieht, wie er erzählt, mittlerweile auch wieder in lachende und hoffnungsvolle Gesichter – auch wenn viele Betroffene die Erlebnisse noch längst nicht verarbeitet haben.

0 Kommentare
Noch keine Kommentare