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Corona-Pandemie: Warum Ostfriesland gut durch die Krise kommt

Steffen Haake30. April 2020
Steffen Haake
Der Nordwesten Deutschlands kommt bislang im Vergleich recht gut durch die Corona-Krise. Doch liegt das nur daran, dass die Ostfries*innen auf ihren Schnack bei „drei Tass Tee“ verzichten? Ein Blogbeitrag von Steffen Haake, Mitglied im Auricher Stadtrat.

Die Corona-Krise hat auch die Kommunalpolitik und –Verwaltung in Ausnahmezustände versetzt: Aurich, die am schlechtesten angebundene Stadt Deutschlands, ist eine der deutschen Städte mit den wenigsten Corona-Fällen. Interessant wäre, ob die fehlende Bahn- und Autobahnanbindung dazu geführt hat, dass Covid-19 die ostfriesische Kreisstadt schlechter erreichen konnte. Doch nicht nur die Stadt ist eine verkehrliche Insel, der Landkreis hat auch drei Nordseeinseln, die hermetisch abgeriegelt wurden. Und über das Meer kann sich SARS-CoV-2 nicht verbreiten.

Sicherheitsabstand als Normalzustand?

Ferner mögen Soziolog*innen spekulieren, ob Ostfries*innen ohnehin eher Abstand halten. Soweit, dass Quarantäne hier der Normalfall ist, würde ich freilich nicht gehen. Aber ein Sicherheitsabstand von zwei Metern ist an der Küste nicht ungewöhnlich. In der Krise ist das Land an der Ems nun noch weiter runtergefahren, Moin Moin wird auf Moin reduziert.

Trotzdem fehlt auch den ruhigen Ostfries*innen der Klönschnack bei „dree Tass Tee“ mit den Großeltern. Doch so mancher wurde in der Krise besonders aktiv: Stefan Dunkmann etwa, sozusagen „Aurichfluenza“, war mit seinem Aurich.tv-Channel auch hinter Supermarkt-Klopapierbergen vor der Kamera und freut sich momentan über hohe Klickzahlen. Zusammen mit anderen versendet er Carepakete mit Tee und anderen Grundnahrungsmitteln, denn die Stadt Aurich hat einen Ersatz für die Tafeln ins Leben gerufen, da sie ihre Arbeit einstellen mussten.

In der Kalenderwoche 16 gab es in Aurich „nur“ 80 Corona-Fälle, also umgerechnet je 100.00 Einwohner*innen 42,1 Fälle.  Im Nordwesten sind die Fallzahlen insgesamt niedrig, das gilt auch für Auricher Nachbarkreise wie Leer. Dort tritt der Leeraner Landrat Matthias Groote jeden Tag vor die Kamera und informiert seine Bürger*innen in vorbildlicher Transparenz über die aktuelle Lage. Gemessen an den Einwohner*innen gab es in der Kalenderwoche 16 in der nahen kreisfreien Stadt Wilhelmshaven (16 Fälle) damit Deutschlandweit mit umgerechnet 21 Fällen pro 100.000 Einwohner*innen die niedrigste Rate. Zum Vergleich: Im Landkreis Tirschenreuth in Bayern gab es 1.018 Fälle, sprich 1.404,1 Fälle pro 100.000 Einwohner*innen.

Social Distancing up Platt

Über die Gründe für die geringen Fallzahlen lässt sich ernsthaft natürlich nur spekulieren. Einerseits ist Ostfriesland besonders weit von Tirol entfernt, wo sich viele bayerische Skiurlauber*innen angesteckt haben. Im Landkreis Leer hatte sich ein Arzt während des Skiurlaubs im Süden infiziert, woraufhin seine zahlreichen Patient*innen in Quarantäne gehen mussten. Darüber hinaus ist der Anteil der Ostfries*innen im Skigebiet vergleichsweise gering. Vor allem haben die ostfriesischen Kommunen jedoch schnell beherzte Maßnahmen ergriffen, um der Ausbreitung des Virus entgegenzutreten: In den vergangenen Wochen habe ich regelmäßig über meinen Ratsherrnverteiler Allgemeinverfügungen des Landkreises erhalten, in denen neue Grundrechtseingriffe angeordnet wurden – allerdings mit Erfolg.

Denn der Landkreis Aurich ist der tourismusstärkste in ganz Niedersachsen. Dementsprechend naheliegend war der Ansatz, touristische Ströme herunterzufahren. Tourist*innen und auswärtige Wohnmobilist*innen dürfen nicht mehr einreisen. Das Land Niedersachsen hat die ostfriesischen Inseln abgeriegelt, der Landkreis Aurich sorgte dafür, dass Insulaner*innen für einen gewissen Zeitraum ihr Eiland nicht mehr verlassen und auch keinen Besuch mehr bekommen durften. Zusätzlich mussten sämtliche Zweitwohnungsbesitzer*innen abreisen. Die harte Maßnahme trieb Blüten bis zu Extra 3, dem Satiremagazin des NDR, bei dem Aurich Thema war.

Zwischen Telkos als Neuland und Digitalisierung der Verwaltung

Die Kommunalpolitik ist während dieser Krise zum Erliegen gekommen. Hauptverwaltungsbeamte machen ein professionelles Krisenmanagement, die Räte spielen dabei aber keine Rolle. Die Stadtratsfraktion hat ihre Treffen für den Moment eingestellt und bisher auch noch keine Telefonkonferenzen durchgeführt.

Immerhin haben wir uns in einer Telefonkonferenz des SPD-Unterbezirksvorstandes darüber ausgetauscht, dass die Parlamente auch kommunal wieder an den Entscheidungen mitwirken müssen. Auch über die Nöte der Menschen in Ostfriesland haben wir diskutiert: Die Tourismuswirtschaft ist hier besonders intensiv betroffen, da Ausfälle z.B. von Fähren, anders als beispielsweise beim Kauf einer Hose, nicht nachzuholen sind.

So langsam soll die parlamentarische Arbeit nun also wieder anlaufen. In Aurich gibt es Ortsratssitzungen für die Haushaltsgenehmigung im Ratssaal, um dieses Jahr überhaupt noch einen Haushalt zu bekommen. Im Landkreis stellt sich derweil die Frage nach Testreihen: Tausende Ostfries*innen sollen auch ohne Symptome getestet werden, um belastbare Daten über das Virus zu erhalten.

 

Im Blog „Meine Sicht” schreiben wechselnde Autor*innen aus persönlicher Perspektive über kommunale Themen. Dieser Text ist zuerst auf vorwärts.de erschienen.

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