Glosse „Das Letzte“

Entspannt Euch!

Carl-Friedrich Höck21. Dezember 2018
Kneipen zum Biertrinken unterliegen in Haidhausen einem strengen Reglement.
Regeln sind wichtig. Doch manchmal sind sie einer Gemeinde im Weg. Dann hilft die Kunst des eleganten Wegschauens.

Fragt man im Ausland, wie dort die Deutschen gesehen werden, erhält man vermutlich die folgende Antwort: Etwas humorlos sind sie, aber stets pünktlich und korrekt. Der deutsche Hang zur Pedanterie soll Lenin einmal zu dem verzweifelten Ausspruch getrieben haben: „Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich erst eine Bahnsteigkarte!“ Was heißen sollte: Mit diesem Volk ist einfach keine Revolution zu machen.

Die hohe Kunst des Wegsehens

Die deutsche Korrektheit spiegelt sich in der Bürokratie wieder. Sie macht Abläufe komplex und damit kompliziert, manchmal treibt sie Bürger wie Kommunalpolitiker in den Wahnsinn. Aber sie garantiert auch, dass alles seine Ordnung hat.
Dabei kann es eine hohe Kunst sein, einfach mal wegzuschauen. Das machen uns die Niederlande vor, die bekanntlich eine sehr liberale Drogenpolitik pflegen. Und eine widersprüchliche: Denn der Verkauf von Marihuana ist erlaubt, nicht aber dessen Anbau. Deshalb wird in zahlreichen Coffeeshops ganz legal Gras verkauft, das es laut Gesetz gar nicht gibt. Seltsamerweise nehmen es die Niederländer dafür mit dem Rauchverbot umso genauer. Es gilt auch in Coffeeshops, jedoch nur für Tabakprodukte. Ergo dürfen Kiffer ihre Joints weiterhin im Laden anzünden, sofern diese nichts als pures Gras enthalten. Damit die Gäste nicht reihenweise betäubt aus den Sitzen kippen, haben sich die Shop-Betreiber etwas einfallen lassen: Sie stellen Kräuter­mischungen als Tabak-Ersatz zum ­Beimischen zur Verfügung.

Münchener Pragmatismus

Gelegentlich geht man auch in Deutschland pragmatisch mit Regeln um, etwa im Münchener Stadtteil Haidhausen. Im Erdgeschoss eines Hotels soll eine Bar entstehen. Nun fiel aber den Kommunalpolitikern auf, dass sie vor 22 Jahren per Bebauungsplan einen Kneipenstopp für das Gebiet verhängt haben. Nur acht Gastro-Betriebe sollte es dort geben, die Hotelbar wäre die Nummer neun. Glück für Bierfreunde: Als die Regelung 1996 in Kraft trat, hatte bereits eine neunte Kneipe eröffnet. Darauf verweist nun die Stadt, frei nach dem Motto: Wenn wir unsere Obergrenze schon damals nicht eingehalten haben, können wir heute auch Fünfe gerade sein lassen – beziehungsweise Neune.

Wir Deutschen können also doch auch entspannt sein. Und Bahnsteigkarten wurden abgeschafft. Fast überall: Wer allerdings in München die Freundin zur U-Bahn bringen will, muss auch heute noch 40 Cent für ein solches Ticket löhnen. Oberbürgermeister Dieter Reiter hält das für einen „Anachronismus, der überdacht werden muss“. Wie sich die Zeiten geändert haben!

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