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Ländlicher Raum und Mobilität: Innovative Angebote

Kirsten Fründt18. Juli 2018
Kirsten Fründt
Kirsten Fründt ist Vorsitzende der SGK Hessen e.V.
Dienstfahrten per ÖPNV, kommunale Fuhrparks mit E-Fahrzeugen, Carsharing – beim Thema Verkehr sind in den Kommunen gute und kreative Konzepte gefragt. Kirsten Fründt, Vorsitzende der SGK Hessen und Landrätin in Marburg-Biedenkopf, schildert aktuelle Beispiele aus ihrem Landkreis.

Vollkommen zu Recht wird das Thema Mobilität eines der zentralen des kommenden Landtagswahlkampfes in Hessen sein. Denn es ist für die meisten hessischen Bürger*innen von zentraler Bedeutung. Dabei sind die Herausforderungen beim Thema Mobilität in den Ballungsräumen und im ländlichen Raum, der den weit überwiegenden Teil sowohl der Fläche als auch der Einwohner*innen Hessens ausmacht, durchaus unterschiedlich.

Mobilität als Daseinsvorsorge

Während es in den Ballungsräumen oft um überlastete Infrastrukturen und Sanierungsstaus oder langwierige Planungen bzw. die Qualität der Verkehrs-Infrastruktur und somit die Versäumnisse in 18 Jahren CDU-Regierung in Hessen geht, steht der ländliche Raum eher vor der Herausforderung der Bereitstellung und Organisation passgenauer und ausreichender Mobilitätsangebote. Diese haben im ländlichen Raum uneingeschränkt den Charakter von grundsätzlicher Daseinsvorsorge.

Wenn sich der bundesweite Trend in den Ballungsräumen fortsetzt, dass auf der einen Seite der Zuzug in die Ballungsräume zunimmt, auf der anderen Seite aber gleichzeitig eine Verdrängung von Normalverdienenden und finanziell schwächeren Menschen aus den innerstädtischen Quartieren in die Peripherie damit korrespondiert, werden die Herausforderungen an Mobilität im ländlichen Raum ­steigen.

Große Herausforderung

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf mit seinem Oberzentrum Marburg ist trotz seiner hohen Industriedichte ein solcher ländlich geprägter Flächenlandkreis. Mit dem PKW benötigt man in Ost-West-Richtung 70 bis 90 Minuten für die Durchquerung. Die Bahnverbindungen in die Rhein-Main-Region und nach Nordhessen sind gut entwickelt, es fehlen aber oft die Zubringer aus der Region und die Kapazitätsgrenzen sind erreicht. Dasselbe gilt für die Autobahnen. Die Realisierung von Angeboten der Mobilität innerhalb und zwischen den 22 Kreiskommunen ist auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf trotz Bürgerbussen etc. eine große Herausforderung.

Vor diesem Hintergrund erarbeitet der Landkreis Marburg-Biedenkopf nicht nur ein Mobilitätskonzept für seine eigene Verwaltung, sondern für den Landkreis insgesamt. Auch die Kreisverwaltung steht wegen der Fläche des Kreises und mehrerer Verwaltungsstandorte vor besonderen Voraussetzungen. Die Gestaltungsmöglichkeiten werden dennoch genutzt. Der eigene Fuhrpark wird sukzessive auf E-Fahrzeuge umgestellt, es gibt Dienst-E-Bikes und seit kurzem stehen den Mitarbeitenden auch Carsharing-Wagen dienstlich zur Verfügung. Zurzeit wird im Auftrag des Kreistages die Möglichkeit eines RMV-Tickets für alle Mitarbeitenden vom Finanzamt geprüft, und ebenso geprüft wird das Thema
E-Bike-Leasing für Mitarbeitende.

Im nächsten Schritt soll dann die Nutzung des ÖPNV für alle Mitarbeitenden bei Dienstfahrten – soweit möglich – verpflichtend werden. Ergänzt zum Beispiel um E-Bike-Ladestationen, Informationen über Abfahrtzeiten des ÖPNV auf den dienstlichen Rechnern etc.

Zusammen gestalten

Die Politische Spitze und die Verwaltung im Kreis Marburg-Biedenkopf haben den Anspruch, über die Pflichtaufgaben hinaus die Entwicklung des Landkreises aktiv zu gestalten. Dies geschieht mit intensiver Beteiligung der Kreisgesellschaft unter Nutzung der Beteiligungsplattform des Kreises. Zur Weiterentwicklung des Regionalen Nahverkehrsplans z. B. sind 80 Anregungen aus der Bürgerschaft eingeflossen. Und vor allem wurde in einem fast 18-monatigen Rad­entwicklungsprozess gemeinsam mit den Bürger*innen, den Kommunen, Hessen mobil und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen das gesamte Radwegenetz des Landkreises überprüft und über dessen Weiterentwicklung beraten. Ergebnis: Eine Liste mit gut 200 Einzelmaßnahmen, die nach gemeinsam entwickelten Kriterien priorisiert wurden, und das Radverkehrsforum mit knapp 80 Mitgliedern, das als ständiges Gremium die Radverkehrsentwicklung in den nächsten Jahren begleiten wird. Dieser Prozess wird unter anderem vom Land und vom Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) als so beispielhaft wahrgenommen, dass die zuständigen Mitarbeitenden als Referenten für Seminare und Schulungen angefragt werden.

Dass der Prozess gut akzeptiert wird, hängt auch mit der umfassenden Kampagnen- und Öffentlichkeitsarbeit zusammen. 2019 gehen nun die ersten Infrastruktur-Maßnahmen der Prioritätenliste in die Umsetzung. Da die konzeptionellen Überlegungen in Mobilitätsfragen einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, wird selbstverständlich verstärkt auch in die Kreisstraßen investiert und über die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken nachgedacht.

Gemeinsam mobil – E-Carsharing im ländlichen Raum

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf ist „Masterplan-Kommune 100 Prozent Klimaschutz“. Übergeordnetes Ziel ist die deutliche Reduzierung der CO2-Emissionen und die Bereitstellung der im Landkreis verbrauchten Energie durch regenerative Quellen aus dem Landkreis, also Klima­neutralität.

Lag der Fokus in den ersten Jahren des Masterplan-Projekts auf der regenerativen Produktion von Wärme und Strom sowie Energieeinsparung, zum Beispiel durch die energetische Sanierung der kreiseigenen Schulen, rückten in den letzten zwei Jahren die Aufgaben Mobilität und bürgerschaftliche Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen in den Fokus.

Leitfaden für andere Kommunen geplant

Ideal verbunden werden diese beiden Aspekte in dem im August 2016 gestarteten Projekt „Gemeinsam mobil“, das bei Konzept und Umsetzung vom Fachdienst Klimaschutz und Erneuerbare Energien des Landkreises Marburg-Biedenkopf begleitet und vom Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur gefördert wird. Ziel des Projektes ist, für die drei unterschiedlichen Kreiskommunen Caldern, Rauschenberg und Weimar aufzuzeigen, wie auch im ländlichen Raum, in dem sich klassisches, stationsbasiertes Carsharing kommerzieller Anbieter nicht rechnet, Carsharing-Modelle realisiert werden können. Mit dem Ziel der Erstellung eines Leitfadens und der Übertragbarkeit auf andere Kommunen im ländlichen Raum.

Fragestellungen waren unter anderem die Identifizierung und Einbeziehung von Initiator*innen, Entscheider*innen und Schlüsselakteur*innen, potentiellen Standorten und Ladeinfrastruktur, sowie die Entwicklung von Rechtsform, Finanzierung, Buchungssystem, Preisstruktur, Verwaltung und Business-Plan. Eingebunden in den Prozess waren nicht nur die Modellkommunen, sondern auch relevante Arbeitgeber*innen im Landkreis und regionale Akteur*innen der Elektromobilität. Der im Projekt erarbeitete Leitfaden steht unter dem Link www.klimaschutz.marburg-biedenkopf.de zur Verfügung.

Die Stadt Rauschenberg hat das Projekt „Gemeinsam mobil“ bereits umgesetzt.

Informationen unter
www.rauschenberg.de

 

Im Blog „Meine Sicht” schreiben wechselnde Autoren zu unterschiedlichen Kommunalen Themen. Dieser Beitrag erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der SGK Hessen.

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