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Auenlandschaft zieht Ludwigsburger an

Die Zugwiesen sind die Attraktion am neu gestalteten Neckarufer in Ludwigsburg. Am Wochenende bewachen Guides das Areal und klären Besucher darüber auf, was erlaubt ist und was nicht.
von Uwe Roth · 8. Juli 2016
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Die Ludwigsburger hatten zu ihrem Fluss nie einen engen Bezug. Doch seit das Neckarufer auf einer Länge von etwa zwei Kilometern zur Auenlandschaft wurde, ist das Gewässer die Attraktion geworden. Doch viele Stadtbürger unterscheiden nicht mehr zwischen Natur- und Freizeitlandschaft. Folglich musste ein Biotop-Knigge her. Der klärt Besucher, die die wertvollen Blühwiesen wie ihren eigenen Garten bespielen, darüber auf, was erlaubt ist und was nicht. Außerdem bewachen an Wochenenden Guides die Zugwiesen, so der Name des Areals – auf pädagogische Art.

Neckar wird aus Betonkorsett befreit

Einer der Zugwiesen-Guides ist Ulrich Ostarhild. Der 56-Jährige war von Anfang an dabei, als 2013 das 17 Hektar große Gelände der Natur wieder zurückgegeben wurde. Viele Monate davor hatte es einer Großbaustelle geglichen: Das Ufer war auf 800 Meter einbetoniert und musste mit schwerem Gerät aufgebrochen und weggeschafft werden. Innerhalb eines Jahres wurden 50000 Kubikmeter Erde bewegt, Wege, Stege und ein sieben Meter hoher Aussichtsturm errichtet, Gehölze gepflanzt und Ansaaten ausgebracht. Ein 1,7 Kilometer langer und bis zu fünf Meter breiter Bach wurde angelegt und Stillgewässer geflutet.

Zugwiesen dienen als Überflutungsfläche

Um dem künstlichen Bachlauf die optimale Neigung zu geben, wurde er zuerst am Computer geplant. Steinbrocken im Bachbett regeln die Fließgeschwindigkeit. „Sie wurden mit Hilfe von GPS-Daten, wie sie am Computer errechnet wurden, an die richtige Stelle gesetzt“, weiß Ostarhild. Um die Natur in ihren Zustand vor den 1950er Jahren zu bringen, wurde moderne Technik eingesetzt. Damals war der Fluss in ein unschönes Betonkorsett gezwängt worden, um Hochwasser möglichst schnell durchzuleiten – nach dem Motto: nach mir die Sintflut. Seit die 17 Hektar neu modelliert sind, dienen die Zugwiesen als Überflutungsfläche. Wie Jahrhunderte zuvor.

Fördermittel aus EU-Programm Life

Die Natur im Zugwiesen-Projekt war planbar. Die Finanzierung ebenfalls – obwohl es am Ende nicht 1,4 Millionen, sondern acht Millionen Euro gekostet hat. Die Stadt hat lange zuvor ein „Ökokonto“ eingerichtet, in das Investoren einzahlen, wenn sie Grünflächen überbauen. Außerdem gab es Spenden und Fördermittel aus dem EU-Programm Life.

Den rechtlichen Rahmen bildet die Wasserrahmenrichtlinie. Sie stellt nicht nur Anforderungen an die Wasserqualität von Oberflächengewässern, sondern auch an eine naturnahe Ufergestaltung. Zudem schreibt sie vor, dass Fische von Schleusen nicht aufgehalten werden dürfen. In Ludwigsburg dient der Bach im Schleusenbereich den Fischen als Bypass. Doch die Umsetzung der Richtlinie verläuft nicht nur in Deutschland schleppend. Die EU versucht über vermehrte Fördermittel Anreize zu schaffen. Auch Ludwigsburg hat letztlich davon profitiert.

Großes Interesse der Bewohner

Was nicht planbar war, war das Verhalten der Menschen. Zuerst drohten die Landwirte, das Vorhaben zum Scheitern zu bringen. Die SPD-Fraktionsvorsitzende Margit Liepins klingt heute noch verärgert, wenn sie sich an die Kaufverhandlungen erinnert. Die Landwirte hätten gepokert und am Ende sich durchgesetzt. Zwölf Euro erhielten sie für jeden Quadratmeter ihrer sauren Wiesen. Für gutes Grünland lag der Preis bei acht bis zehn Euro.

„Meine Fraktion ist immer hinter dem Projekt gestanden“, sagt die SPD-Frau. Die im Uferbereich vernachlässigte Natur sollte zu ihrem Recht kommen. Der Mensch mit seinem Bedürfnis nach Natur jedoch auch. Dass es eine Gratwanderung ist, sei ihr von Anfang an klar gewesen. Doch dass die Städter derart neugierig auf das neue Biotop sind, damit hat sie nicht gerechnet. Es kamen eben nicht nur Fußgänger, Botaniker und Hobbyornithologen, sondern auch junge Leute mit Einweggrill, Hundebesitzer, die ihre Tiere frei laufen ließen, und Mountainbiker, die über die Kiesbänke bretterten.

Die knapp 100-000-Einwohner-Stadt war diesbezüglich ohne Konzept gestartet. Sie erließ eine Verordnung über das Verhalten auf den Zugwiesen und veröffentlichte sie als „Neckarbiotop-Knigge“, und sie ließ Ehrenamtliche zu Natur-Guides ausbilden und Erklärtafeln aufstellen. Ulrich Ostarhild sagt, dass besonders die persönliche und vor allem nette Ansprache Positives bewirkt. Die Menschen zeigten überwiegend Verständnis, wenn man ihnen erklärt, warum eine Blühwiese kein Platz für ein Picknick ist oder dass ein frei laufender Hund Vögel beim Brüten stört. Inzwischen bieten er und seine Guide-Kollegen gegen Geld Führungen an, die immer besser gebucht werden.

Allerdings ist er sich auch sicher, dass in einem städtischen Umfeld ein Biotop dieser Größenordnung, das gleichzeitig Erholungsraum sein soll, immer vor Menschen geschützt werden müsse, die vor der Natur keinen Respekt mehr zeigen. Als Zugwiesen-Guide wird er wohl noch lange unterwegs sein.

Autor*in
Uwe Roth

ist freier Journalist. Er ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung und dort im Redaktionskreis für eine DIN Einfache Sprache. Webseite: leichtgesagt.eu

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