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Ein Turm für den Bibelschatz

Mainzer Gutenberg-Museum wird erweitert: Ein moderner Solitär in historischer Umgebung soll entstehen. Der Bau ist umstritten: Es gibt Bürgerinitiativen sowohl dafür als auch dagegen. Die Gegner setzen auf ein Bürgerbegehren.
von Irmela Heß · 14. August 2017
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Eine neue „Schatzkammer“ zu bauen, das ist kein einfaches Unterfangen, selbst wenn es sich nicht um einen gesicherten Tresor, sondern „nur“ um einen öffentlichen Raum für wertvolles Kulturgut handelt. Das wird gerade in Mainz deutlich, wo man einen neuen Kulturbau realisieren möchte: als Erweiterung für das Gutenberg-Museum, weltbekanntes und renommiertes Haus für Buch- Druck- und Schriftgeschichte in Trägerschaft der Stadt. Hier soll unter anderem der „Schatz“ des Museums zu sehen sein: zwei Gutenberg-Bibeln aus dem 15. Jahrhundert, gedruckt von Johannes Gutenberg, der mit seiner Entwicklung des Buchdruckes mit beweglichen Lettern die Grundlage für die schnelle Verbreitung von Informationen legte und so die Voraussetzung schaffte, dem einfachen Volk mehr Bildung zu ermöglichen.  

Am Bibelturm scheiden sich die Geister

Der Architektenwettbewerb ist entschieden: Sieger ist das Hamburger Büro DFZ Architekten mit einem rund 23 Meter hohen turmartigen Gebäude, das binnen kurzer Zeit „Bibelturm“ genannt wurde. Mitte vergangenen Jahres stellte der Mainzer Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) gemeinsam mit Bau- und Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) und der Direktorin des Gutenberg-Museums Dr. Annette Ludwig den Entwurf vor, der auch im Stadtrat auf große Zustimmung stieß. Fünf Millionen Euro stehen für den ersten Bauabschnitt zur Verfügung. Eine Baukommission mit Vertretern aller Stadtrat-Fraktionen, der beteiligten Fachdienststellen sowie der Gutenberg-Stiftung und des Bistums Mainz soll den Planungs- und Bauprozess begleiten. Baustart soll – wenn möglich – noch 2017, oder Anfang 2018 sein.

Allerdings ist das Projekt nicht unumstritten, es hat sich bereits eine Bürgerinitiative dagegen gegründet. Nicht funktional, nicht kosteneffizient, nicht vereinbar mit dem Denkmalschutz, und der zum Erholen einladende „grüne“ Platz vor dem Museum werde erheblich kleiner: So lauten wesentliche Kritikpunkte. Uneinigkeit herrscht darüber, ob diese Art zeitgenössischer Architektur – die Außenhaut des Solitärs soll als Verweis auf Gutenberg mit metallenen Lettern versehen sein – das Stadtbild aufwertet oder nicht.  Die Bürgerinitiative „Gutenberg-Museum“ sammelt seit Anfang Juli Unterschriften für ein Bürgerbegehren „Modernisierung und Erweiterung des Museums JA, aber ohne Bibelturm und Baumfällungen“. Aber es gibt auch die Befürworter „Mainz für Gutenberg“, die kürzlich auf dem Liebfrauenplatz trafen.

„Architektonisches Ausrufezeichen“

Marianne Grosse ist sicher: „Wir wollen hier ein architektonisches Ausrufezeichen setzen. Denn ist es wahnsinnig wichtig, dass das Weltmuseum der Druckkunst endlich in eine Form gebracht wird, die ihm angemessen ist.“ Der baulichen Erneuerung – wenn der Turm steht, sollen die beiden bisherigen Ausstellungsgebäude, erbaut 1962 und 2000, umfassend renoviert und mit Brandschutz versehen werden – wird eine inhaltliche folgen. Das Ziel: ein modernes lebendiges Museum, in dem nicht nur mittelalterliche Handschriften, historische Drucke, Setz- und Druck­gerätschaften, Buch- und Schriftkunst zu sehen sind, sondern in dem ein Bogen zu zeitgenössischer Druckkunst und Typografie und den modernen Medien geschlagen wird.
Die Finanzierung des gesamten Projektes ist nicht gesichert. Die Stadt hat neben den 1,6 Millionen Euro, die als jährliche Kosten fürs Museum im Haushaltsplan eingestellt sind, zusätzlich rund fünf Millionen Euro für den Turmbau bereitgestellt, zusätzlich rund 1,2 Millionen Euro für die Sanierung des zum Museumskomplex gehörenden Renaissance-Palais‘ „Haus zum Römischen Kaiser“, in dem unter anderem Bibliothek und Verwaltung untergebracht sind. Den Rest – Grosse spricht von einem zweistelligen Millionenbetrag – will man über Spenden- und  Sponsorengelder finanzieren.

Unterstützung gibt es unter anderem von der Gutenberg-Stiftung, die nicht nur das Bewusstsein für die Bedeutung Gutenbergs erhalten und wecken möchte, sondern auch das Museum fördert, unter anderem mit dem Verkauf von Artikeln aus der Welt des Druckens im Gutenberg-Shop. Zusätzlich sorgt die 1901 gegründete wissenschaftliche Internationale Gutenberg-Gesellschaft mit mehr als 1300 Mitgliedern in 35 Ländern für einen hohen Bekanntheitsgrad. Sie erforscht Geschichte und Gegenwart der Druckkunst und der schriftorientierten Medien und gibt jährlich ein „Gutenberg-Jahrbuch“ heraus.

Die Bau- und Kulturdezernentin ist optimistisch, dass das „Gutenberg-Museum der Zukunft“ Wirklichkeit wird. Mit dem „Bibelturm“ werde die Stadt weltweit Aufsehen erregen und mögliche Geldgeber auf das Gutenberg-Museum aufmerksam machen. Grosse: „Es gibt viele Beispiele, wo eine Realisierung auf diese Weise funktioniert hat.“

 

Autor*in
Irmela Heß

ist freie Journalistin

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