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Habemus documenta!

100 Tage lang steht Kassel im Fokus der internationalen Kunstwelt. Die documenta ist Image- und Wirtschaftsfaktor.
von Silke Hoock · 7. Juli 2017
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Es ist wieder soweit. Kassel, die 200.000-Einwohner-Stadt in Hessen, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch mal Bundeshauptstadt werden wollte, schickt sich erneut an, zur größten Pilgerstätte für Kunst­interessierte zu werden. Die 14. documenta (d14) ist eröffnet und rechnet mit einer Million Besuchern aus aller Welt. 100 Tage dauert die Weltkunstausstellung – durch den vorgezogenen Start in Athen sind es sogar 163 Tage.

Tempel der verbotenen Bücher

Vor allem aber: Die 14. documenta ist politisch und plakativ. Dort, wo die Na­tionalsozialisten 1933 die Bücherverbrennung inszenierten und somit der freien Meinungsäußerung und jedem kritischen Gedanken den Garaus machten, steht das Kunstwerk „The ­Parthenon of Books“. Das Kunstwerk der argen­tinischen Künstlerin Marta Minujin ist ­einem griechischem Tempel nachempfunden. Sein stählernes Gerüst soll am Ende mit 100.000 einst verbotenen Büchern bestückt sein. 50.000 Bücher sind es bereits, die dort hinter Folie ­stecken. Es handelt sich um Bücherspenden, die der dokumenta aus der gesamten Welt zugeschickt wurden. Um das Gerüst und den Tempel zu füllen, bedarf es weiterer 50.000 Spenden. Genial – jedermann kann Teil des Kunstwerkes werden. Der 2000 Quadratmeter umfassende ­Parthenon mitten auf dem geschichtsträchtigen Friedrichsplatz ist statisch und trotzdem lebendig.   

Kreative Diskussionen

„Wir erleben in diesem Jahr eine ganz besondere Ausstellung in der langen Tradition der documenta. Denn mit den zwei Standorten Kassel und Athen beweist sie erneut: Auch nach mehr als 60 Jahren löst diese Institution überaus lebendig ihr Credo ein, nachdem sie sich stets erneuert und ihrem Publikum immer wieder Überraschendes und Unerwartetes präsentiert. Seit 1955 fasziniert sie die internationale Kunstwelt und setzt sie nach Kassel in Bewegung“, stellt denn auch SPD-Oberbürgermeister Bertram Hilgen fest. Die documenta lobt er als bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst, die stets große mediale Aufmerksamkeit und kreative Diskussionen auslöse.

Diskussion entfacht auch die Installation des kurdischen Künstlers Hiwa K.: Er hat 20 Abwasserrohre aufeinander geschichtet und damit eine Flüchtlingsbehausung in Griechenland nachgebaut. In solchen Rohren wurden Menschen auf der Flucht versteckt, die von Patras in Griechenland nach Ancona in Italien gelangen wollten. Kaum vorstellbar.

160 internationale Künstler wirken an dieser 14. documenta mit. Es gibt viele Performances. Es gibt klassische Momente mit Bildern und Skulpturen. Es gibt so vieles zu entdecken in dieser Kunststadt, in der Joseph Beuys einst 7000 Eichen als Kunstwerk und bleibende Erinnerung hinterließ. 

Die lokale Wirtschaft profitiert

Bertram Hilgen verweist daher sehr nachvollziehbar auf den Imagefaktor der documenta für Kassel: „Durch ihren Bekanntheitsgrad ist sie für Kassel hervorragend geeignet, nach innen und nach außen zu wirken.“ Natürlich ist sie auch ein Wirtschaftsfaktor, „in Ausstellungsjahren ein Arbeitgeber für Hunderte Beschäftige“. Zudem seien zahlreiche Kasseler Betriebe für sie tätig. Hotels, die Gastronomie und der Handel profitierten von den Gästen.

Ach so: Wer aufgrund einer starken Rauchentwicklung am Turm des ­Fridericianum die Feuerwehr alarmieren möchte: Nicht nötig. Der künstliche Nebel ist Kunst und demonstriert: ­Habemus ­documenta!

Autor*in
Silke Hoock

Silke Hoock ist freie Journalistin in Dortmund.

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