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Ortsdetektive unterwegs

Mit dem #Stadtsache-Projekt lernen Kinder früh demokratische Teilhabe kennen. Mit einer App erkunden sie ihr Viertel – und machen für Kommunalpolitiker und Planer sichtbar, wie Kinder ihre Stadt sehen.
von Maicke Mackerodt · 6. April 2018
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Eine ziemlich geniale App schickt Kinder vor die Tür. In kleinen Gruppen erkunden sie gemeinsam mit nur einem Smartphone ihr Viertel. Dank der Gratis-App #Stadtsache machen sie eine Art Schnitzeljagd durch ihren Stadtteil und zu ihren Lieblingsplätzen. Mit Fotos, kleinen Videos und Geräuschen können sie gleich an Ort und Stelle dokumentieren und kommentieren, wie zufrieden sie mit Radwegen, Spielplätzen oder Streetsportanlagen sind, was ihnen fehlt und welche Verbesserungen sie sich wünschen.

Selbständigkeit macht glücklich, glaubt die Initiatorin

Initiiert hat das #Stadtsache-Projekt die Bildungsjournalistin Anke M. Leitzgen. Die vierfache Mutter ist überzeugt, dass eine Welt, „in der jeder Mensch sein Leben so selbstständig und aktiv wie möglich in die Hand nehmen kann, eine glücklichere ist“. In diesem Sinne hat die Buchautorin schon viele hervorragende Kindersachbücher konzipiert, unter anderem das mehrfach preisgekrönte „Entdecke deine Stadt“ (Beltz Verlag). Das Buch ist ebenfalls Teil ihres großen crossmedialen Projekts #Stadtsache.

Der Impuls zur Stadtsache kam von der Initia­tive StadtBauKultur NRW. Herzstück ist eine kostenlose App, die als Werkzeug dient, um den Blick von Kindern und Jugendlichen auf ihre Stadt letztendlich auch für Stadtplaner, Bürgermeister und Kommunen sichtbar zu machen.

Erwachsene nehmen manches gar nicht wahr

„Niemand nutzt das Viertel in der Stadt oder Trampelpfade auf dem Land so intensiv wie Kinder“, weiß Anke M. Leitzgen. „Was Kinder interessant finden, nehmen Erwachsene oft gar nicht richtig wahr.“ Leitzgen lebt sehr ländlich im Rhein-Sieg-Kreis bei Lohmar. Der freie Blick über das hügelige Bergische Land bis zum Siebengebirge befeuert ihre ­Kreativität. Unter dem Motto „Misch dich ein“, „Interessier dich“ gab sie vor zwei Jahren ihre ersten „Stadtentdecker“-Workshops: „Wir gingen mit den Kindern raus, suchten Spielräume, die keine Spielplätze sind. Oder fotografierten gefährliche Übergänge im Straßenverkehr, die den Jugendlichen das Leben schwer machen.“ Dabei stellte die Dokumentarfilmerin fest: Die gesammelten Fotos und Infos ließen sich nicht schnell bündeln und präsentieren. So entstand die App-Idee, „als plattformübergreifendes Werkzeug“.

Die App ist von Stadtsache-Programmierer Bruno Jennrich bildorientiert angelegt. „Geringe Sprach- und Schreibkenntnisse in Deutsch hindern die Kinder somit nicht teilzunehmen“, erläutert ­Anke M. Leitzgen. „Die Nutzung ist einfach, niederschwellig und nahezu selbsterklärend.“ Gefundene Orte können spielerisch vertont, skaliert, bemalt und kommentiert werden. Alle zwei Tage schaut die Initiatorin rein, entfernt lediglich erkennbare Menschen, die sich selbst fotografiert haben. Mittlerweile lagern in der App fast 10.000 Fundsachen.

Der Journalistin war es wichtig, dass die App simpel gestrickt ist. Aus den mehr als 60 gezielten Fragen und Aufträgen entstanden Fundstücke wie Kaugummis auf Pflastersteinen oder Fotos von Orten, wo Mülleimer fehlen. Alle Bilder werden über den GPS-Empfänger automatisch verortet und auf einer digitalen Welt­karte markiert. Die Fundstücke lassen sich so mit einem Klick wieder aufrufen und sind auch für andere Nutzer abrufbar, sofern sie öffentlich gemacht werden. Vor dem Speichern müssen die „Stadtentdecker“ ihre Fundstücke einem von sieben Sammelthemen zuordnen – wie Gebautes, Grünes, Technisches oder Verspieltes. „So sieht man sofort, was andere Kinder wichtig finden, wie sie ihre Stadt sehen.“

Brief an den Bürgermeister

Schüler der Grundschule in Heiligenhaus bei ­Overath waren während der ­Projektwoche mit der #Stadtsache-App in ihrem Heimat­ort unterwegs, haben Pausenhof, Schule und Umgebung ­erforscht. Kinder aus einer ersten und einer vierten Klasse befragten Mitschüler, Nachbarn, den Hausmeister, hörten viel Lob, aber auch Kritisches. Die wichtigsten Ergebnisse schickten die Ortsdetektive per Brief an Bürgermeister Jörg Weigt (SPD). Er kam vorbei und stand ausführlich Rede und Antwort. „Ich finde es toll, dass die Kinder so früh demokratische Teilhabe trainieren. So viel Engagement verdient ganz viel Unterstützung.“

Bleibt der unmittelbare Draht zur Stadt nicht folgenlos, lernen Kinder und Jugendliche frühzeitig, dass ihr Engagement etwas bewegt. Oder wen sie ansprechen müssen, um etwas zu verändern. Kommunen haben die Möglichkeit, Schulklassen oder Kindergärten einzuladen. Düsseldorf-Flingern war ein Pilotprojekt, wo nach und nach alle Stadteile erforscht wurden. „Da ergriff das Jugendamt die Initiative, wurde das Bezirksamt mit ins Boot geholt, demnächst werden die Ergebnisse präsentiert“, so Anke M. Leitzgen. „So bekommt man gezielt ­authentisches, zeitnahes Feedback zu geplanten Bauvorhaben oder zum Nahverkehr.“

Mehr Informationen
www.stadtsache.de

Autor*in
Maicke Mackerodt

ist Journalistin, Audio-Biographin und Coach. Lebt in Troisdorf bei Köln, arbeitet seit 1996 frei für den Öffentlich-Rechtlichen Hörfunk (WDR5) und schreibt regelmäßig für die DEMO. Homepage: www.rhein-reden.de

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