Stadtschreiber: Wenn Künstler und Kommune sich gegenseitig helfen
Stadtschreiberinnen und Stadtschreiber bekommen ein Stipendium von der Kommune. Die profitiert ebenfalls von den Konzept.
IMAGO/Christian Grube
Annett Gröschner, aktuelle Mainzer Stadtschreiberin, auf der Leipziger Buchmesse 2025. Im Jahr 2026 wird Sven Regener den Stadtschreiber-Posten einnehmen, bekannt als Autor des Romans „Herr Lehmann” und Sänger der Band „Element of Crime”.
Stadtschreiber ist ein alter Beruf – oder ein moderner. Wie man es nimmt. Ab dem Mittelalter stellten Städte Schriftgelehrte an, um offizielle Dokumente zu verfassen und die Verwaltung zu unterstützen. Der Unterschied zu heute ist nicht nur, dass es inzwischen auch Stadtschreiberinnen gibt. Städte laden für einen bestimmten Zeitraum freischaffende Talente aus dem Literaturbetrieb ein, damit diese mit frischen Ideen die lokale Kultur bereichern, gerne jenseits des Mainstreams. Die Stadt stellt die Wohnung und finanziert den Lebensunterhalt. Die während eines solchen Stipendiums produzierten Werke sollen einen Bezug zur Stadt haben.
Vorteil für beide Seiten
Es ist eine Win-Win-Situation: Die Kommune ist Talentförderin und gibt mit der Institution der Stadtschreiber ihrem Kulturangebot eine besondere Note – für vergleichsweise wenig Geld. Den Stipendiatinnen und Stipendiaten bietet sich die Chance, sich zumindest eine Zeitlang ohne Geldsorgen ihrer Kunst widmen zu können.
Die Autorin Annett Gröschner war 2025 die Stadtschreiberin von Mainz. Sie sagt: „Kommunale Förderangebote sind immens wichtig, nicht nur für Nachwuchskünstlerinnen und -künstler, auch für andere.“ Künstlerisch zu arbeiten, bedeute immer auch, „durch finanzielle Täler zu gehen, oft kurz davor zu sein, den Beruf aufgeben zu müssen und sich einen festen Job zu suchen“. Noch wichtiger sei eine solche Förderung, wenn man Familie habe oder gar alleinerziehend sei. Vor allem Kunstschaffenden ohne finanzielle Unterstützung aus der Familie sei es so möglich, mit Hilfe kommunaler Angebote – seien es Stipendien, bezahlte Lesungen oder Ausstellungen – ihren Beruf weiter ausüben zu können. „Gerade sie bereichern mit ihren sozialen Erfahrungen die Kunst“, sagt Gröschner.
Sie war zuvor schon in verschiedenen Städten Stadtschreiberin. „Ich mag es, eine Stadt kennenzulernen, Anregungen zu bekommen, mein Wissen beispielsweise in Schulveranstaltungen weiterzugeben.“ Ihre literarische Arbeit profitiere davon, wenn auch oft Jahre später.
Preisträger können sich ganz dem Schreiben widmen
Auch Lucia Leidenfrost war mit ihrer Auftragsstadt Ludwigsburg eng verbunden. Die Stadt habe ihr nicht nur die Wohnung zur Verfügung gestellt, sondern sie auch als Alleinerziehende unterstützt. „Stipendien sind oft die einzige Möglichkeit, sich – zumindest eine Zeit lang – ganz auf das Schreiben zu konzentrieren“, stellt auch sie fest. Die Österreicherin war in Ludwigsburg 2024 eine Kulturgröße auf Zeit. „Auftritt während eines städtischen Literaturfestivals, die Antrittslesung, Zeitungsartikel, Auftritte beim Abschlussfestival der Kulturregion und persönliche Begegnungen haben auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich als Schriftstellerin in Ludwigsburg wahrgenommen wurde“, sagt sie.
Inzwischen lebt sie freischaffend in Baden-Württemberg. In ihrer Biografie listet die 35-Jährige sieben Stipendien und vier Literaturpreise auf. Die schwierige Haushaltslage der Kommunen beschäftigt sie. Gerade Kulturangebote könnten bedroht sein. „Kunst lebt vom Austausch, ist dafür gemacht, dass sie Zugänge zu Perspektiven schafft und nicht abgehoben nur für eine Elite existiert.“ Wenn es keine kommunalen Kulturangebote mehr geben würde, so fürchtet sie, könnten Künstler wieder von Mäzenen abhängig werden. Das käme nicht unbedingt der künstlerischen Entfaltung zugute.
Stadtschreiber: mehr als nur ein Kulturangebot
In Ludwigsburg wird das Stipendium größtenteils aus Drittmitteln finanziert, teilt ein Sprecher der Stadt mit. „Sofern wir diese weiterhin akquirieren können, halten wir an dem Projekt sehr gerne fest.“ Für den SPD-Fraktionschef im Gemeinderat Daniel O’Sullivan ist klar, dass die Institution erhalten bleiben müsse. Sie sei mehr als ein kulturelles Angebot. Solche Stipendien trügen dazu bei, auch weniger populäre Kleinstkunst am Leben zu erhalten. Die Stadt profitiere davon, wenn sich Kulturschaffende mit ihr beschäftigten und Eindrücke verarbeiten. Werke würden mit dem Namen der Stadt verknüpft.
Mainz wird trotz leerer Kassen den Stadtschreiber-Preis nicht abschaffen. Ein Rathaussprecher sagt dazu: „Mit nunmehr 41 Preisträgerinnen und Preisträgern gehört der Preis zu den renommierten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.“ Das ZDF ist mit im Boot, die jeweiligen Stadtsprecher können mit dem Sender einen Film produzieren. Für viele Autoren bedeute das ein komplett neues Genre. Annett Gröschner schätzt das Renommée: „Es ist kein Nachwuchspreis. Daher ist Voraussetzung, künstlerisch bereits anerkannt zu sein“, sagt sie selbstbewusst.
DEMO
ist freier Journalist. Er ist Mitglied im Verein Deutsches Institut für Normung und dort im Redaktionskreis für eine DIN Einfache Sprache. Webseite: leichtgesagt.eu