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Warum parteilose Kandidaten so oft bei Bürgermeisterwahlen siegen

19. Dezember 2025 09:14:00

Zuletzt haben immer wieder parteilose Kandidierende Direktwahlen gewonnen. Was sie so erfolgreich macht – und warum eine Parteimitgliedschaft trotzdem Vorteile hat.

Wahlurne

Besonders in kleineren Kommunen sind Parteilose an den Wahlurnen häufig ­erfolgreich. Doch die Mitgliedschaft in einer Partei wie der SPD hat Vorteile.

Zufall oder Trend? Auffällig oft haben in den vergangenen Monaten parteilose Kandidatinnen und Kandidaten Bürgermeisterwahlen gewonnen. In Mühlacker (Baden-Württemberg) wurde der Einzelbewerber Stephan Retter zum neuen Oberbürgermeister gewählt. Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam wird neuerdings von der parteilosen Noosha Aubel regiert. In Frankfurt an der Oder, ebenfalls in Brandenburg, wurde Axel Strasser an die Rathausspitze gewählt, der noch wenige Monate vorher gar nicht kommunalpolitisch aktiv gewesen war. In Kamenz (Sachsen) hat Einzelbewerber Bernd Michael Preuß die Oberbürgermeisterwahl gewonnen, bisher Dezernent für Stadtentwicklung und Bau­wesen. Sein einziger Gegenkandidat war ebenfalls parteilos, genau wie der bisherige Amtsinhaber.

Parteilose gewinnen eher in kleinen Kommunen

„Aus meiner Sicht ist es tatsächlich so, dass in der langen Entwicklung die Zahl erfolgreicher parteiloser Kandidaten tendenziell zunimmt“, sagt Manfred Sternberg. Er ist seit fast drei Jahrzehnten Geschäftsführer der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik (Bundes-SGK) und verfolgt in dieser Funktion Kommunalwahlkämpfe in ganz Deutschland. In Ostdeutschland sei das Phänomen noch stärker zu beobachten, dort sei die Parteibindung geringer ausgeprägt. 

Zudem komme es auf die Größe der Kommune an, erklärt Sternberg anhand einer SGK-Statistik aus dem Jahr 2024. Damals wurden von 82 Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern nur zehn von Parteilosen regiert. Zum Vergleich: 40 Rathauschefinnen und -chefs hatten ein SPD-Parteibuch. Gänzlich anders sieht es in Gemeinden zwischen 10.000 und 30.000 Einwohnern aus. Hier waren von 1.200 hauptamtlichen Rathausoberhäuptern ganze 380 parteilos.

Woran liegt das? Sternberg merkt dazu an, dass es eine der Hauptaufgaben von Parteien sei, geeignete Kandidierende zu suchen und ins Rennen zu schicken. Der Vorteil der Parteien liege darin, dass sie aus einem großen Netzwerk von politisch aktiven Menschen schöpfen könnten – die vielfach bereits in Stadt- und Gemeinderäten oder Verwaltungen Erfahrung gesammelt hätten. Das Netzwerk sei zugleich eine wichtige Unterstützung im Wahlkampf. Eine mögliche Erklärung könnte also sein, dass dieser Vorteil in kleinen Gemeinden weniger schwer wiegt, weil hier ohnehin jeder jeden kennt. Sternberg räumt ein, dass Parteien in der Fläche nicht mehr so gut organisiert seien wie früher und dadurch Schwierigkeiten hätten bei der Kandidatensuche in den eigenen Reihen.

Einzelbewerbern wird Neutralität unterstellt

Ein Anruf bei Erich Holzwarth. Er hat mit einer Arbeit zu Erfolgsfaktoren bei Oberbürgermeisterwahlen promoviert und berät seit vielen Jahren Kandidierende. Dadurch kennt er sich besonders in Baden-Württemberg aus. Holzwarth bestätigt das Gefälle zwischen großen und kleinen Städten. In Großstädten seien Wahlgewinnerinnen und -gewinner ohne Parteibuch seltener, und oft werde ihre Kandidatur von einer großen Partei mitgetragen, erklärt er. In kleineren Kommunen sei es schon normal, dass Nicht-Parteimitglieder Wahlen gewinnen. In der Forschung habe sich sogar herausgestellt, dass sie es leichter hätten, gewählt zu werden, weil man ihnen unterstelle, „dass sie für alle da sein können“. Die Parteien stünden im Verdacht, immer nur einen Teil der Bevölkerung zu vertreten.

Ein anderer Faktor sei zuletzt zum Beispiel in Brandenburg zu beobachten gewesen: Wenn verschiedene demokratische Parteien sich zu einem Unterstützerbündnis zusammenfinden, falle es ihnen oft leichter, sich auf einen parteilosen Kandidaten zu einigen. Politische Traditionen spielen laut Holzwarth ebenfalls eine Rolle. So seien parteilose Bürgermeister in Württemberg häufiger anzutreffen als in Baden. Denn früher ­seien diese in Württemberg vom Fürsten oder König eingesetzt worden. Sie wurden als Fachleute oder Verwalter angesehen, nicht als politische Akteure. In Baden dagegen habe es schon früh gewählte Ortsoberhäupter gegeben. Das jeweilige Image wirke bis heute nach. 

Parteienverdrossenheit macht sich bemerkbar

Und dann gibt es auch noch die Parteienverdrossenheit in großen Teilen der Bevölkerung. Als „eine merkwürdige Unterstellung“ bewertet Manfred Sternberg die weitverbreitete Meinung, Parteien würden nicht gesamtstädtische Interessen vertreten. Zu glauben, dass Parteilose näher am Bürger seien, hält der SGK-Geschäftsführer für eine Fehleinschätzung. „Jeder, der als Direktkandidat einen Hauptverwaltungsbeamten-Job anstrebt, weiß, dass er als führende repräsentative Kraft in einer Stadt oder Vorsitzender der Ratsversammlung natürlich eine gewisse Überparteilichkeit haben muss.“ 

Die Bundes-SGK reagiert dennoch auf die Entwicklung. Die Organisation hat sich für parteilose Kommunalpolitiker geöffnet. Sie will ihre Strukturen in der Fläche stärken, um die Kandidatenfindung auch in kleineren Kommunen einfacher zu machen. Sternberg betont außerdem, dass die SGK ein wichtiges Kommunikationsnetzwerk sei, wo Politikerinnen und Politiker ihre Erfahrungen austauschen, sich weiterqualifizieren oder in einer Kommunalakademie coachen lassen ­können. Ein Vorteil, den vermeintlich ­unabhängige Kandidaten nicht haben.

Autor*in
Porträtfoto Mann mit Brille und dunkelblonden Haaren
Carl-Friedrich Höck

ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.

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1 Kommentar

Gespeichert von Rachil Rowald (nicht überprüft) am Mo., 22.12.2025 - 12:44

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Steckt in dem Beitrag nicht bereits ein Widerspruch, wenn ausgerechnet zwei der größten Städte des Landes Brandenburg (Potsdam und Frankfurt/Oder mit 190.000 bzw. 57.000 Einwohner*innen) herangezogen werden, aber gleichzeitig darauf hingewiesen wird, dass eher in den kleineren Kommunen Parteilose gewählt werden? Tatsächlich sehen wir in den kleineren Kommunen durchaus Parteigebundene, die dann aber zumeist vor Ort auch bekannt sind und möglicherweise gerade deshalb gewählt werden, selbst dort wo einer gewisse "Parteimüdigkeit" oder manchmal auch Mißtrauen größeren Parteien gegenüber herrscht.
Und "Parteilose" hat auch die Bundes-SGK übrigens schon eine Weile in ihren Reihen. Die Mitglieder werden ja nicht durch die Bundes-SGK geworben oder betreut. Das machen wir in den Landesverbänden und auch wenn wir uns einen höheren Organisationsgrad wünschen würden, haben wir durchaus Erfolgsgeschichten mit hauptamtlich und ehrenamtlich Verantwortlichen, die der SPD nahe stehen, aber nicht Mitglied sind.