Neue IAB-Daten: Ukrainer*innen schneller in Jobs, aber weiter Lücken bei Frauen
Dreieinhalb Jahre nach dem Zuzug nach Deutschland sind rund die Hälfte der Geflüchteten aus der Ukraine beschäftigt. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB. Das ist deutlich häufiger als bei anderen Flüchtlingsgruppen.
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Ankunftszentrum in Berlin Tegel, fotografiert im Septmber 2023. Geflüchtete Ukrainer*innen haben das Flüchtlingslager am ehemaligen Flughafen genutzt. Eine Studie zeigt: Dreieinhalb Jahre der Ankunft in Deutschland sind rund die Hälfte der Kriegsflüchtlinge beschäftigt.
Seit vier Jahren dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits an und hat die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem zweiten Weltkrieg ausgelöst. Bis Ende 2024 suchten etwa eine Million Ukrainer*innen Schutz in Deutschland. Eine neue Forschungsarbeit des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) sieht deutliche Fortschritte bei der Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter.
Männer schneller im ersten Job
„Dreieinhalb Jahre nach dem Zuzug nach Deutschland sind rund die Hälfte der Geflüchteten beschäftigt“, sagte Professor Yuliya Kosyakova bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin. Das sei zwar noch deutlich unter den Beschäftigungsquoten der Gesamtbevölkerung 68 Prozent), aber deutlich höher als die Gruppe der 2015 geflüchteten Kohorte. Die im Jahr 2025 eingereisten Menschen erreichten eine Quote von 50 Prozent erst rund sechs Jahre nach ihrer Ankunft – also etwa zweieinhalb Jahre später.
Männer schaffen es schneller in den ersten Job als Frauen mit 64 gegenüber 55 Prozent nach 42 Monaten. Dieser Abstand zwischen den Geschlechtern zeigte sich bereits nach wenigen Monaten und blieb auch nach knapp drei Jahren konstant. Kosyakova führt das unter anderem darauf zurück, dass die Ukrainerinnen durch Kinderbetreuung stärker belastet seien. Laut der neuen IAB-Studie lebt etwa die Hälfte der geflüchteten Frauen im erwerbsfähigen Alter lebt im Haushalt zusammen mit minderjährigen Kindern, meist im Vorschul- oder Grundschulalter.
Frauen mit Kindern brauchen mehr Zeit
„Frauen mit Kindern brauchen häufig mehr Zeit, sowohl beim Spracherwerb, als auch bei der Jobsuche“, ist die Erfahrung von Yuliya Erner von der Deutschlandstiftung Integration. Das liege nicht an der fehlenden Motivation, sondern daran, dass viele von ihnen natürlich erst die Integration und das psychische Wohlbefinden ihrer Kinder in den Vordergrund stellten. Außerdem kämpften viele Geflüchtete selbst mit hohen psychischen Belastungen, was sich darauf auswirke, „wie schnell sie im Alltag und im Arbeitsleben ankommen“, so Erner. Yuliya Erner ist verantwortlich für das Programm Fast Treck, ein bundesweites Mentoring-Programm für jüngere ukrainische Geflüchtete.
Einen Blick in die Praxis lieferte Simon Borbeck, der im Jobcenter im Landkreis Esslingen regelmäßig ukrainische Flüchtlinge betreut. Für 3.900 Flüchtlinge ist das Jobcenter zuständig, davon sind 60 Prozent Frauen. Im Landkreis gibt es eine besonders enge Zusammenarbeit mit dem Deutsch-ukrainischen Verein, „um die Arbeitsmarktintegration voranzutreiben“, wie Borbeck sagt.
„Das Angebot einer Zusammenarbeit haben wir dankend angenommen, weil wir bisher nicht die Möglichkeit hatten, über einen schnellen Weg möglichst viele Personen mit Informationen zu erreichen“, erläuterte Borbeck. Der Verein biete zum Beispiel auch eine Kinderbetreuung für die Mitglieder an, während diese in einem Sprachkurs sind oder Vorstellungsgespräche oder andere Behördentermine haben.
Regelmäßige Treffen und Austausch über die Themen, die die Community betreffen, gehören ebenfalls zu der Kooperation. „Wir bekommen mit, an welchen Themen wir gemeinsam arbeiten müssen“, so Borbeck. Wir erfahren, was braucht die Communitiy, und auf der anderen Seite können wir uns Unterstützung vom Verein holen.
Kinderbetreuungsplätze seien dabei ein zentrales Thema. Das Jobcenter organisiert mittlerweile gemeinsam mit dem Landkreis Veranstaltungen, wie man einen Platz beantragt. Weiterer Vorteil: Auch Bewerbertage und Jobmessen würden über den Verein in die Community gestreut, sowie Dolmetscher vermittelt.
Neues Gesetz: Jobcenter nicht mehr sofort zuständig
Nun soll sich nach dem Willen der Bundesregierung einiges ändern: Ukrainer*innen, die nach dem 1. April 2025 eingereist sind, sollen Asylbewerberleistungen statt Bürgergeld erhalten. Es wechseln die Zuständigkeit vom Jobcenter zum BAMF und den kommunalen Ausländerbehörden.
Der Wechsel ins Asylbewerberleistungssystem sieht auch eine Pflicht zur Arbeitsaufnahme vor. Betroffene können bei mangelnden Sprachkenntnissen zur Teilnahme an Integrationskursen verpflichtet werden. Aber künftig fällt der direkte Zugang zu den Instrumenten der Jobcenter weg, zuständig sind Asylbehörden und Arbeitsagenturen.
Rechtskreiswechsel: Mögliche Folgen für Betroffene
Welche Folgen der geplante Rechtskreiswechsel für die Geflüchteten aus der Ukraine hat, dazu fehlen wissenschaftliche Daten. Aber aus den bisherigen Studien liessen sich indirekt Rückschlüsse ziehen, sagte Yuliya Kosyakova. „Wir haben ukrainische Geflüchtete verglichen, die vor Juni 2022 zugezogen sind, und zwischen Juni und August 2022, zwei Kohorten, die in unterschiedliche Systeme zugezogen sind.“ Der Sonderstatus für Ukrainer*innen galt erst ab Juni 2022.
„Wir sehen, dass diejenigen, die im Sommer zugezogen sind, schneller sind bei der Arbeitsmarktintegration“, bekräftigt die Wissenschaftlerin. Es gehe nicht nur um Geld, es gehe um die Beratung, den Zugang zu Sprachkursen und zu privaten Wohnverhältnissen. Man sehe, dass das das mit höheren Beschäftigungsquoten verbunden sei. „Die Abschaffung dieser Struktur könnte dazu führen, dass die Beschäftigungsaufnahmen bei neu Zugezogenen sich verlangsamen wird“, lautet ihre Schlussfolgerung.
Auch die Arbeit in den Jobcentern würden die neuen Regeln beeinflussen: „Wir werden ab dem Moment zuständig sein, wo die Asylbewerberleistungen zu Ende sind und ein Antrag auf Leistungen aus dem SGB II gestellt worden ist“, erklärte Borbeck. Die Herausforderung, die er sieht, ist, dass „wir wie bisher auch am Anfang beginnen müssen, nur eben etwas später“. Alles, was eigentlich im Vorfeld schon initiiert werden könnte, ist nach aktuellen Überlegungen von den Geflüchteten in eigener Initiative bei der Agentur für Arbeit oder der zuständigen Ausländerbehörde anzufragen.
Debatte um Stopp freiwilliger Integrationskurse
Dazu kommt auch noch der aktuelle Zulassungsstopp bei Integrations- und Sprachkursen. Hintergrund: Seit einigen Wochen verweigert das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das dem Bundesinnenministerium (BMI) unterstellt ist, Zugewanderten den kostenfreien Zugang zu freiwilligen Kursen. Zur freiwilligen Sprachförderung Zugang zu bekommen, werde in Zukunft nicht mehr so einfach möglich sein, glaubt Borbeck. „Wir sind im Moment gut eingeübt und wissen, welche Knöpfe wir drücken müssen. Immer, wenn man etwas Eingeübtes ändert, dann sehe ich die Herausforderung, dass Prozesse erst wieder neu aufgestellt werden müssen.“ Es gehe Zeit verloren, die wichtig für den Erwerb der Sprache sei.
Ralf Bauer
ist Redakteurin beim vorwärts-Verlag und schreibt für die DEMO – Das sozialdemokratische Magazin für Kommunalpolitik.