Was kann die SPD von Fürth lernen, Thomas Jung?
Im fränkischen Fürth ist die SPD stärkste Kraft. Oberbürgermeister Thomas Jung wurde mit einem überragenden Ergebnis wiedergewählt. Was sind die Gründe dafür und welche Lehren kann die SPD daraus ziehen? Das erklärt Jung im Interview.
SPD Fürth
Thomas Jung, Oberbürgermeister der Stadt Fürth, auf dem Fürther Wochenmarkt
DEMO: Als Oberbürgermeister von Fürth sind Sie gleich im ersten Wahlgang wiedergewählt worden, mit einem Ergebnis von mehr als 72 Prozent. Welche Gedanken sind Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie diese Zahl gehört haben?
Thomas Jung: Ich war schon sehr erfreut, auch wenn sich die Überraschung in Grenzen gehalten hat, denn bei den letzten Wahlen hatte ich ähnliche Ergebnisse. Was mich ebenfalls freut: Die SPD ist in allen 100 Stadtbezirken stärkste Partei geworden, unabhängig davon, ob dort Reiche oder Arme wohnen. Das zeigt: Die ganze Stadt ist zufrieden.
„Wir stehen für eine verlässliche Politik.” (Thomas Jung)
Wie erklären Sie sich diese hohen Zustimmungswerte für Sie und die SPD in Fürth?
Wir stehen für eine verlässliche Politik. Ich bin seit 24 Jahren im Amt. Von Anfang an waren mir drei Dinge wichtig: Wirtschaftskompetenz, finanzielle Stabilität und dass die Stadt stetig verschönert wird. Das haben wir über Jahrzehnte hinweg konsequent verfolgt.
Was konkret hat sich in den vergangenen Jahren in Fürth für die Menschen verändert?
Seit zehn Jahren bekommt jedes Kind in Fürth einen Kitaplatz. Die Pro-Kopf-Verschuldung nimmt seit 16 Jahren ab. Wir haben neue Einkaufszentren, wir haben faktisch keine leerstehenden Läden in der Stadt. Es gibt schöne, neue Grünanlagen. All das zusammen führt dazu, dass die Leute sagen: Fürth entwickelt sich gut.
Vielen Kommunen geht das Geld aus. Deutschlandweit lag das Finanzierungsdefizit der Gemeinden 2025 bei rund 30 Milliarden Euro. Trotzdem konnte Fürth erneut Schulden abbauen. Welchen finanziellen Spielraum haben Sie als Oberbürgermeister noch?
Spielraum haben wir nur dadurch, dass wir in diesem Jahr erstmals auf Rücklagen zurückgreifen. Diese betragen bei uns erfreulicherweise 160 Millionen Euro. Die ersten 20 Millionen werden jetzt verbraucht. Wenn die Rücklagen einmal weg sind, wird es schwierig.
„Der Ausgabendruck steigt stetig” (Thomas Jung)
Inwiefern bereitet Ihnen das Sorgen für die nächsten Jahre?
Solche Sorgen gibt es natürlich. Wir müssen ein Krankenhaus finanzieren, das aktuell ein Defizit von 15 Millionen hat. Hinter uns liegen sehr gute Jahre. Wir waren sparsam und konnten deshalb Rücklagen aufbauen. Aber die fließen jetzt dahin, und der Ausgabendruck steigt stetig.
Die SPD kommt bundesweit in Umfragen auf Zustimmungswerte um die 15 Prozent. Bei den Kommunalwahlen in Bayern waren es sogar nur 12,3 Prozent. Welche Rolle hat das für den Wahlkampf der Fürther SPD gespielt?
Die Menschen wählen auf kommunaler Ebene ganz anders, als wir es sonst erleben. Bei der zurückliegenden Europawahl hat die SPD in keinem einzigen Fürther Wahllokal gewonnen, jetzt aber in allen 100. Ich bin niemand, der seine Parteizugehörigkeit versteckt. Auf unserem wichtigsten Wahlplakat stand: „SPD und Thomas wählen“. Die Leute haben uns tatsächlich gewählt, aber nicht wegen der Berliner Politik, sondern weil sie es vernünftig finden, was im Rathaus passiert.
„Man kann als Sozialdemokrat die Themen Wirtschaft und Finanzen in den Mittelpunkt stellen.” (Thomas Jung)
Was kann die Bundes-SPD von Fürth lernen?
Wir sind stolz, dass wir wieder viele junge Genossinnen und Genossen einbinden konnten. Ein Drittel unserer Stadtratsfraktion ist im Juso-Alter, und das ist seit Jahrzehnten so. Auch im Fraktionsvorstand sind drei von fünf Mitgliedern jünger als 35 Jahre. Das zeigt: Man kann auf junge Leute setzen!
Und man kann als Sozialdemokrat die Themen Wirtschaft und Finanzen in den Mittelpunkt stellen. Die Partei sollte nicht nur über Verteilungsthemen und Sozialstaat, übers Gendern oder andere Randthemen sprechen. Aus meiner Sicht würde es genügen, wenn wir uns auf drei Aufgaben fokussieren: Arbeitsplätze sichern, Wohnraum schaffen und Deutschland attraktiver machen – also zum Beispiel die Städte und Gemeinden verschönern.
Gerade in diesen drei Bereichen entscheidet sich vieles auf kommunaler Ebene. Wird den Kommunen in der Bundespolitik ein ausreichender Stellenwert eingeräumt?
Bislang leider nicht. Das sieht man beim Verteilen des 500-Milliarden-Investitionsprogramms. Die Kommunen leisten 60 Prozent der öffentlichen Investitionen, bekommen aber vielleicht 20 Prozent des Geldes. Ich sehe hier eine Schieflage, die leider noch nicht korrigiert wurde.
„Die schlimmste Zeit war die Quelle-Insolvenz” (Thomas Jung)
Sie sind seit 24 Jahren Oberbürgermeister. Woraus ziehen Sie die Kraft und Motivation, das Amt weitere sechs Jahre auszuüben?
Ich habe viel mitgemacht. Die schlimmste Zeit war die Quelle-Insolvenz. Damit war der größte Arbeitgeber in der Stadt pleite und die Arbeitslosigkeit stieg auf 13,8 Prozent. Wir hatten ein Haushaltsloch von 40 Millionen Euro.
Wir haben das überstanden. Aktuell beträgt die Arbeitslosenquote noch 5,1 Prozent. Durch solche Erfahrungen habe ich die nötige Gelassenheit gewonnen und den Rückhalt der Bevölkerung. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Menschen in Fürth sich wünschen, dass ich schon in Rente gehe. Und wir haben ein positives Klima in der Stadtgesellschaft: ohne vergiftete Atmosphäre im Stadtrat, ohne Hassmails an den Oberbürgermeister. Wenn ich mit dem Fahrrad durch Fürth fahre, grüßen mich die Leute und wollen mir nichts Böses. Das trägt ebenfalls dazu bei, dass ich diesen Job gerne mache.
Dirk Bleicker
ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.