Weshalb eine Initiative in Ulm ein Gastarbeiter-Denkmal fordert
Ulm soll einen Erinnerungsort für die erste Generation der Gastarbeiter*innen bekommen. Das schlagen Mitglieder eines Ausschusses in einem Brief an den Oberbürgermeister vor. Auch andere Städte wollen an die Leistungen der Zugewanderten erinnern.
IMAGO / Klaus Rose
Dieses Bild aus dem Jahr 1969 zeigt italienische Gastarbeiter am Dortmunder Hauptbahnhof, die in ihre Heimat zurückkehren. Viele andere blieben in Deutschland und prägten die Entwicklung der Bundesrepublik.
Millionenfach haben sogenannte Gastarbeiter*innen nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wirtschaftsaufschwung in der Bundesrepublik Deutschland beigetragen. Ihre Leistungen sollen nun stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Das fordern Sachkundige Mitglieder des Internationalen Ausschusses der Stadt Ulm in einem Brief an den Oberbürgermeister Martin Ansbach (SPD).
Bereicherung für die Stadt
Sie schlagen vor, einen zentralen und frequentierten Ort in Ulm zu Ehren der ersten Generation der Gastarbeiter*innen zu benennen, beispielsweise als „Platz/Straße/Park der ersten Generation“. Dort soll auch ein Denkmal oder einen anderweitiger dauerhafter Erinnerungsort geschaffen werden. „Dieser Ort soll an die Leistungen, Entbehrungen und die kulturelle Bereicherung erinnern, die diese Menschen für unsere Stadt erbracht haben“, erklären die Unterzeichner*innen.
Der Internationale Ausschuss berät den Ulmer Gemeinderat, kann dort aber selbst keine Anträge einbringen. Deshalb haben die Mitglieder ihre Forderung kurz vor Weihnachten mit einem Brief öffentlich gemacht. Sie hoffen nun, dass die Stadt oder die Ratsfraktionen das Thema aufgreifen. Zu den Initiator*innen des Briefs gehört Yasemin Arpaci. „Ich bin selbst ein Gastarbeiterkind“, sagt sie im Gespräch mit der DEMO. Der Aufhänger für den Brief sei der 70. Jahrestag des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens vom 20. Dezember 1955 gewesen.
Lebensleistung der Gastarbeiter*innen würdigen
Arpaci wünscht sich wie viele andere Bürger*innen, dass die Lebensleistung der Gastarbeiter*innen stärker anerkannt wird. Im Brief heißt es dazu: „Mit ihrer Arbeit in körperlich schweren, oft gefährlichen und gesellschaftlich wenig anerkannten Berufen leisteten sie einen entscheidenden Beitrag zum wirtschaftlichen Wiederaufbau und zu dem Wohlstand, der Ulm bis heute prägt.“ Viele Arbeitsmigrant*innen hätten Abseits der Heimat in überfüllten Wohnheimen oder sanierungsbedürftigen Gebäuden gelebt, überhöhte Mieten gezahlt und kaum Zugang zu regulärem Wohnraum erhalten. Die soziale Teilhabe sei stark eingeschränkt gewesen. Auch die Bildungs- und Aufstiegschancen für Kinder aus diesen Familien seien begrenzt gewesen, was bis heute nachwirke. „Nahezu die Hälfte der Ulmer Stadtgesellschaft hat mittlerweile einen Migrationshintergrund; ein erheblicher Teil geht direkt auf diese erste Einwanderergeneration zurück.“
Die Stadt Ulm teilt auf DEMO-Anfrage mit: „Oberbürgermeister Martin Ansbacher steht dem Anliegen, die Leistungen und Lebensgeschichten der ersten Generation der Gastarbeiter sichtbar zu machen, grundsätzlich sehr positiv gegenüber. Zugleich ist es ihm wichtig, dass mögliche Formen des Erinnerns in einem sorgfältigen, breiten Dialog erörtert werden.”
Auch in anderen Kommunen wird darüber diskutiert, wie an die Geschichte der Gastarbeiter*innen erinnert werden kann. In Dortmund hat der Stadtrat im Juli 2025 die Installation von zwei Denkmälern beschlossen. In Berlin soll ebenfalls ein Denkmal entstehen. In Köln soll 2029 das Museum „Selma“ eröffnen, das sich mit der Einwanderung und Migration in Deutschland befassen wird.
Arbeitskräfte kamen vor allem aus Italien und der Türkei
Als Gastarbeiter*innen werden Menschen bezeichnet, die seit 1955 aus dem Ausland angeworben wurden, um hier zu arbeiten. Die Bundesrepublik hat Anwerbe-Abkommen mit Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961), Portugal (1964) und Jugoslawien (1968) geschlossen. Bis Mitte der 1960er Jahre kamen vor allem aus Italien viele Arbeitskräfte nach Deutschland, später aus der Türkei. 1973 beschloss die Bundesregierung einen Anwerbestopp.
Der Begriff Gastarbeiter ist umstritten. In der Praxis wurden die sogenannten Gastarbeiter*innen meistens alles andere als gastlich behandelt. Viele arbeiteten unter harten Bedingungen und lebten zunächst in einfachen Gemeinschaftsunterkünften in firmeneigenen Baracken. Ursprünglich war vorgesehen, dass sie nach einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren. Doch ein Teil von ihnen blieb dauerhaft in Deutschland und holte ihre Familien nach. Zwischen Ende der 1950er und Anfang der 1970er Jahre kamen rund 14 Millionen ausländische Arbeitskräfte in die Bundesrepublik. Im gleichen Zeitraum kehrten etwa 11 Millionen wieder zurück.
Dieser Artikel wurde am 7.1.2026 aktualisiert.
Dirk Bleicker
ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.