Frankfurter Rathaus: Hochzeitsmotiv, Partylocation und Verwaltungssitz
Oberbürgermeister Frank Josef fühlt sich im Rathaus von Frankfurt am Main wohl. Einst trafen sich hier Kaiser. Heute gehört der Gebäudekomplex den Bürgerinnen und Bürgern – und im Ratskeller bekommen Obdachlose ein Weihnachtsessen.
Irmela Heß
Zum „Römer” gehören die charakteristischen Treppengiebel.
Früher feierten hier die Kaiser, heute treffen sich Bürgerinnen und Bürger hier“, sagt Oberbürgermeister Mike Josef und meint: „Gut so!“. Er blickt sich im Kaisersaal um, für ihn der schönste Saal im Frankfurter Rathaus und „gute Stube“ der Stadt. Wo im 17. und 18. Jahrhundert Festbankette nach Kaiserkrönungen stattfanden, wo 1848 beinah die Nationalversammlung tagte (sie wurde aus Platzgründen in die gegenüberliegende Paulskirche verlegt), trugen und tragen sich hochrangige Gäste wie Queen Elizabeth oder John F. Kennedy ins Goldene Buch der Stadt ein. Die Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches schauen zu: 52 gekrönte Häupter von Karl dem Großen über Friedrich Barbarossa bis zu Franz II. hängen großformatig rundherum an den Wänden, gemalt Mitte des 19. Jahrhunderts – eine in Deutschland einzigartige Galerie.
Rathaus besteht aus mehreren Gebäuden
Der Frankfurter Rathauskomplex auf dem Römerberg besteht aus mehreren Gebäuden: dem „Römer“, dem damit verbundenen Südbau und dem gegenüberliegenden Nordbau samt Kämmerei. Allein Römer und Südbau haben rund 25.000 Quadratmeter Fläche, hier arbeiten rund 340 der rund 15.000 städtischen Mitarbeitenden unter anderem im Hauptamt oder Standesamt, die anderen in Büros über die Stadt verteilt.
1405 kaufte der Rat der Stadt als Amtssitz für die Verwaltung die zwei Bürgerhäuser „Römer“ und „Goldener Schwan“. Daran erinnern die Namen der im Krieg kaum zerstörten gotischen beziehungsweise spätgotischen Gewölbehallen – Römer- und Schwanenhalle – als älteste Teile des Komplexes im Erdgeschoss.
Nach und nach wurden angrenzende Gebäude dazugekauft, miteinander verbunden, es wurde an- und umgebaut. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg entstand in den 50er Jahren hinter erhaltenen Fassaden auch ein modernes Bürohaus. Das Ergebnis der baulichen Entwicklung: neogotische und Neorenaissance-Elemente neben 50er-Jahre-Architektur, hier sandsteinerne Treppenhäuser mit figurgeschmückten Säulen und Rippengewölben, verwinkelte Gänge mit historischen Fenstern, dort schnörkellose Flure, und geschwungene Treppen.
Büro mit farbigen Gemälden
Mike Josef fühlt sich wohl in dem Gebäudeensemble – auch wenn er, wie er sagt, mindestens ein Jahr gebraucht habe, um sich zurechtzufinden. Seit 2023 ist der Diplom-Politologe oberster Chef der Stadt. Vorher war er Stadtverordneter, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Stadtverordnetenversammlung, hauptamtlicher Stadtrat und Dezernent. In seinem Büro stehen Möbel aus dem Jahr 1989, ein ausladender Tisch, ein Schreibtisch. Dazu hat er sich fünf farbige Gemälde des Frankfurter Künstlers Tobias Rehberger ausgesucht, jedes 2,45 mal 1,25 Meter groß, die die Worte „YES“ und „NO“ darstellen.
Immer wieder ist Josef beeindruckt von der Klarheit des „altehrwürdigen“, fast golden leuchtenden Magistratssaals, vom Limpurgsaal mit dem ältesten Stück des Hauses, einem riesigen Wirkteppich von 1670, von der Wandelhalle mit den 1,60 mal 1,20 Meter großen Porträts aller Frankfurter Oberbürgermeister. Die Bilder werden, so die Tradition, erst gehängt, wenn die Porträtierten gestorben sind. Vom ersten Stock aus zeigt Josef die „Seufzerbrücke“, die Nord- und Südbau verbindet – hier gingen die Bürger „seufzend“ entlang, um dann im Amt ihre Steuern zu bezahlen.
Turmspitze wird neu errichtet
Spitznamen bekamen auch die Türme des Südbaus. Einer davon ist der Lange Franz. Erbaut um 1900 hat er seinen Namen vom großgewachsenen Franz Adickes, der von 1891 bis 1912 Frankfurter Oberbürgermeister war. Mit 70 Metern einst der höchste Profanbau der Stadt, soll er in Kürze wieder seine Turmspitze bekommen, die im Krieg zerstört wurde. Eine Initiative hat sich seit Jahrzehnten dafür eingesetzt und dafür 1,2 Millionen Euro gesammelt. Ein Diskussionsthema ist der andauernde Leerstand des Ratskellers, einem großen Gewölbesaal, der als Restaurant diente. Es sei sehr schade, dass es so schwierig sei, den passenden Pächter zu finden, bedauert Josef. Immerhin einmal im Jahr wird der Ratskeller zusammen mit dem kirchlich anmutenden Nebenraum, dem „Kapellchen“, dann doch genutzt: Dann wird hier den Obdachlosen der Stadt ein Weihnachtsessen serviert.
Mike Josef fühlt sich dem „Römer“ auch persönlich verbunden. Hier hat er selbst 2012 geheiratet. Der Weg zum Standesamt führt an einem der im Haus verteilten „Frankfurter Schränke“ vorbei. „Viele Hochzeitsgruppen nutzen den Schrank als Hintergrund für Fotos“, erzählt der Oberbürgermeister. Die barocken Möbelstücke wurden einst von Frankfurter Schreinergesellen als Meisterstücke gefertigt oder von Patrizierfamilien in Auftrag gegeben.
Bundesweit bekannter ist der Rathausbalkon, auf dem sich siegreiche Sportteams traditionell von der Öffentlichkeit feiern lassen. Mike Josef schaut sich von hier aus gerne das städtische Treiben auf dem Platz an. „Es passt gut zur Bürgerstadt Frankfurt, dass wir ein so nahbares Rathaus mitten in der Stadt haben,“ sagt er stolz. Mit wem würde er gern mal hier oben stehen? „Mit der Eintracht“, sagt Josef, der als Jugendlicher Fußball gespielt hat und seit den 90er Jahren Eintracht-Fan ist. „Wenn sie deutscher Meister wird.“
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