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Neues Rathaus Leipzig: Eine neue Burg hat sich erhoben

Das Neue Rathaus in Leipzig war der größte Rathausneubau seiner Zeit. Namhafte Künstler wirkten bei der Gestaltung mit. Ein Rundgang durch das Gebäude. 
 

von Karin Billanitsch · 14. Juli 2025
Ansicht des Neuen Rathauses in Leipzig

Das Neue Rathaus ist seit 1905 Sitz der Leipziger Stadtverwaltung und gehört zu den bedeutendsten deutschen Rathausbauten.

Arx nova surrexit“ – eine neue Burg hat sich erhoben: Unter diesem Motto stand der Bau des Rathauses in Leipzig an der Wende des vergangenen Jahrhunderts. Es findet sich am oberen Giebel der Hauptfassade für die Nachwelt in Stein gemeißelt. Am 7. Oktober 1905 wurde der Profanbau feierlich eingeweiht und der Öffentlichkeit übergeben, der sächsische König Friedrich August war eigens angereist. Der Zweckbau im Stil des Historismus sticht mit dem hohen runden Rathausturm unter den öffentlichen Bauten in Deutschland aus jener Zeit hervor. 

Neues Rathaus Leipzig 

„Es war der größte Rathausneubau seiner Zeit“, erzählt Christopher Zenker. Er war bis Ende Januar 2025 SPD-Fraktionsvorsitzender im Leipziger Stadtrat. Das Gebäude erhebt sich weithin sichtbar am Leipziger Innenstadtring. 1895 erwarb die Stadt das Gelände der mittelalterlichen Pleißenburg vom Königreich Sachsen – der vollständige Turm der ­alten Burg diente als Sockel für den ­neuen. 

Auch eine Anekdote zum alten Rathaus, in dem heute das stadtgeschichtliche Museum untergebracht ist, kennt der SPD-Mann, der jetzt als Referent im Geschäftsbereich des Oberbürgermeisters Burkhard Jung tätig ist: „Nach langen Diskussionen um Erhalt oder Abriss wurde 1905 im Rat mit nur einer Stimme mehr für den Erhalt des bedeutenden Renaissancebaus abgestimmt.”

Schnell wachsende Verwaltung in Leipzig

Schon nach wenigen Jahren zeichnete sich ab, dass der Raum für die wachsende Verwaltung nicht ausreichte. 1912 wurde das Stadthaus mit zusätzlichen 300 Räumen fertiggestellt und mit dem Rathaus verbunden. „Der Gang, der die beiden Gebäude verbindet, heißt im Volksmund Beamtenlaufbahn“, erzählt Zenker. Auf dem Vorplatz des Neuen Rathauses treffen sich Vergangenheit und Gegenwart: Auf den Steinplatten sind die Namen der Partnerstädte Leipzigs zu finden, zum Beispiel Kiew. „Die Partnerschaft entstand noch vor dem russischen Angriffskrieg“, erzählt Zenker. Heute würde man allerdings die Schreibweise Kyjiw nehmen, überlegt er. „Die Platte könnte man eigentlich austauschen.“

Wer das Rathaus betritt, übersieht leicht ein Detail auf den metallenen Griffen der Eingangstüren: Eine kleine Schnecke mit einem gewundenen Gehäuse auf dem Rücken. „Es war von Anfang an als Verwaltungsgebäude geplant und weil es in der Verwaltung manchmal länger dauert, gab es diese Idee. Ich sage immer, die Schnecke ist zwar langsam, aber beständig.“ 

Die Büste des Architekten und Leipziger Stadtbaudirektors Hugo Licht kann heute in der großen Wandelhalle des Eingangsbereichs betrachtet werden. Sein Entwurf wurde unter 51 weiteren ausgewählt. Mit der bauplastischen Ausgestaltung wurde der damals 29-jährige Bildhauer Georg Wrba beauftragt. Er arbeitete zusammen mit weiteren namhaften Künstlern an der Gestaltung des Rathauses.

Fabelwesen und Stadtgöttin schmücken die Fassade des Neuen Rathauses

Weitere Tier- und Fabelwesen schmücken das Gebäude – dem Löwen als Wappentier der Stadt begegnet man häufig. Sie bewachen den Eingangsbereich. Die Stadtgöttin Lipsia krönt den Giebel am Eingang. An der Südwestfassade befinden sich die fünf Statuen „Handwerk“, „Gerechtigkeit“, „Buchkunst“, „Wissenschaft“ und „Musik“ der Künstler Arthur Trebst, Johannes Hartmann, Adolf ­Lehnert, Josef Mágr und Hans Zeissig. Wer genau hinschaut, kann sogar lebende Wesen erspähen: Auf den Fenstersimsen klettern manchmal auch neugierige Waschbären herum. 
Wann er zum ersten Mal im Rathaus war, weiß der gebürtige Leipziger Zenker gar nicht mehr so genau. „Das war für mich natürlich alltäglich, ich bin damit aufgewachsen.“ Es sei ein faszinierendes Gebäude. „Ich bin schon ein bisschen stolz, dass wir den höchsten Rathausturm haben, den es in Deutschland gibt“. Das Bauwerk ragt 114,7 Meter hoch in den Himmel, ist ein beliebtes Postkartenmotiv und Wahrzeichen der Stadt. Von oben hat man einen beeindruckenden Rundumblick über Leipzig. Ein Blickfang ist auch die blaue Uhr an der Rathausfront. Sie enthält die lateinische Umschrift „Mors certa, hora ­incerta“, was so viel heißt wie: Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss.

Blick ins Innere des Rathauses in Leipzig

Der Gebäudekomplex erstreckt sich auf 10.000 Quadratmetern Grundfläche, die sich auf ein unregelmäßiges Fünfeck verteilen, umfasst rund 700 Räume, zwei Wandelhallen, den Sitzungssaal des Stadtrats, den Festsaal, den Turmbereich und nicht zuletzt den Ratsplenarsaal. Er ist mit Paneelen aus Edelholz, einer aufwendig verzierten Kassettendecke, Wandbespannungen und Ölgemälden üppig ausgestattet. Heutzutage wird er für repräsentative Termine genutzt. 

Der Rat trifft sich im modernen Stadtratssaal. In den renovierten Gewölbekellern unter dem Neuen Rathaus könnten Hochzeitspaare sich an einem besonderen Ort trauen lassen, erzählt Zenker. In der unteren und oberen Wandelhalle finden heute oft Ausstellungen oder Veranstaltungen statt. 

Gedenktafel in der Wandelhalle

Eine kleine Gedenktafel in der oberen Wandelhalle erinnert an die im Nationalsozialismus ermordeten Stadtverordneten. Im Treppenhaus stoßen Besucherinnen und Besucher auf eine Tafel mit den Ehrenbürgern der Stadt, die seit dem Jahr 1832 ernannt worden sind. Zenker weist auf einen der Einträge aus neuerer Zeit hin, für den er sich als Stadtrat besonders eingesetzt hat: Channa Gildoni, die im Oktober 2022 für ihre außerordentlichen Verdienste um die Städtepartnerschaft Leipzigs mit Herzliya und die deutsch-israelische Versöhnung gewürdigt wurde. In einer langen Reihe von Männern ist sie die erste Frau, die diese Auszeichnung erhalten hat. 

Autor*in
Karin Billanitsch

ist Redakteurin beim vorwärts-Verlag und schreibt für die DEMO – Das sozialdemokratische Magazin für Kommunalpolitik.

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