Perspektiven

Warum Deutschland eine echte Notstrom-Reserve braucht

10. April 2026 10:08:22

Echte Resilienz statt Prinzip Hoffnung: Dezentrale Ansätze können helfen, die kritische Infrastruktur widerstandsfähiger zu machen. Wie die Stromversorgung auch im Krisenfall geschützt werden kann – ein Gastbeitrag von Kai Lobo, Verband kommunaler Unternehmen (VKU).

Zwei Strommasten

Strommasten: Die Reparatur zerstörter Stromnetzinfrastruktur ist oftmals technisch und logistisch hochkomplex.

Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang 2026 hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie verwundbar unser Alltag ist. Solche Störungen treffen nicht nur Haushalte, sondern vor allem die sensiblen Bereiche unseres Lebens: Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Verkehrs- und Kommunikationsnetze, Tankstellen, Rechenzentren, Kühlketten und Kassensysteme. Jede Stunde ohne Strom bedeutet: eingeschränkte medizinische und pflegerische Versorgung, unterbrochene Lieferketten und steigende Risiken für Sicherheit und öffentliche Ordnung. Resilienz ist deshalb kein Luxus, sondern Grundvoraussetzung moderner Zivilisation und der Daseinsvorsorge.

Kritische Infrastruktur soll besser geschützt werden

Mit dem KRITIS-Dachgesetz werden erstmals bundesweit einheitliche Mindeststandards für den Schutz kritischer Infrastrukturen festgelegt. Betreiber von Energie-, Wasser- und anderen Versorgungssystemen müssen Risiken systematisch bewerten, Sicherheitsmaßnahmen umsetzen und schwerwiegende Vorfälle melden. Das Ziel ist richtig: Deutschland widerstandsfähiger gegen Sabotage, Naturereignisse und Terror zu machen.

Wichtig sind dabei klare Meldewege, regelmäßige Übungen, realistische Szenarien sowie Notfallpläne mit Behörden und Blaulichtorganisationen. Entscheidend ist, dass die nun noch weiter auf dem Verordnungswege auszuarbeitenden Vorgaben praxistauglich sind, die unterschiedlichen Größen und Geschäftsmodelle der Betreiber berücksichtigen und Doppelregulierung vermeiden.

Was die Reaktion auf Krisen bremst

Allein das KRITIS-Dachgesetz und Prävention werden jedoch nicht reichen. Es geht auch darum, im Fall einer Krise schnell reaktionsfähig zu sein. Aktuell blockieren regulatorische Hürden, Haftungsfragen und ein Zuständigkeitswirrwarr die schnelle Krisenreaktion. Kommunale Unternehmen als Betreiber kritischer Infrastrukturen brauchen klare Verantwortlichkeiten, realistische Fristen und vor allem eine solide Finanzierung. Entscheidend ist auch, dass endlich eine nationale Risikoanalyse vorliegt, damit die Unternehmen wissen, woran sie ihre eigenen Bewertungen ausrichten sollen. Hier steht die Bundesregierung in der Verantwortung.

Resilienz kostet Geld. Und weil es hier um nationale Sicherheit geht, muss der Bund seine bestehenden Finanzierungsinstrumente aus Bevölkerungsschutz und Landesverteidigung konsequent nutzen. Nur dann wird das Gesetz im Alltag wirken und die Versorgungssicherheit tatsächlich stärken. Investitionen in präventive Sicherheit sind erfahrungsgemäß günstiger als die volkswirtschaftlichen Schäden eines großflächigen Ausfalls.

Widerstandsfähigkeit heißt auch, unsere Energieversorgung breiter aufzustellen. Dezentrale Strukturen, engere Vermaschung, mehr Speicher, mehr Kraft-Wärme-Kopplung. All das können kommunale Unternehmen leisten, aber sie brauchen die passenden Rahmenbedingungen.

Widerstandsfähiger durch dezentrale Energieversorgung

Bei der Kraftwerksstrategie setzt sich der VKU für Ausschreibungsbedingungen ein, die fairen Wettbewerb ermöglichen. Kleine Lose und eine Begrenzung der Zuschlagsmengen pro Bieter würden zweifelsohne Wettbewerb, Resilienz, eine ausgewogene regionale Verteilung der Zuschläge und Versorgungssicherheit stärken. Wenn wir Oligopole vermeiden wollen, müssen wir Vielfalt ermöglichen. Dazu können auch die Stadtwerke einen Beitrag leisten. Das ist zugleich im Interesse der Stromkundinnen und -kunden, denn fehlender Wettbewerb und zu viel Marktmacht macht Energie teurer. Und Dezentralität macht uns resilienter.

Unsere Argumentation teilen auch die obersten Wettbewerbshüter: Erst kürzlich hat sich das Bundeskartellamt in die Debatte um die deutsche Kraftwerksstrategie eingeschaltet und sich besorgt bezüglich der zunehmenden Marktmacht einzelner Unternehmen gezeigt. Zuschläge für diese Unternehmen würden die Marktkonzentration weiter festigen. Diese Analyse teilen wir und nehmen sie sehr ernst. Nun ist die Bundesregierung gefordert, darauf eine Antwort zu liefern.

Wettbewerb lässt sich fördern

Dass der Gesetzgeber bei den Ausschreibungen für ein Deutschlandnetz (Schnellladegesetz) erfolgreich Losgrößen und die Anzahl der Lose pro Bieter begrenzt hat, zeigt: Vielfalt lässt sich gestalten. Wenn wir Wettbewerb in Ausschreibungen fördern wollen, müssen wir genau das auch bei der Kraftwerksstrategie tun.

Vor diesem Hintergrund fordert der VKU parallel zur Kraftwerksstrategie auch eine Verlängerung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes bis 2038. Das unterstützt Vielfalt im Markt und sichert die Wärmewende ab. Die KWK ist Brücke und Backbone zugleich: Sie liefert verlässlich Strom und Wärme, kann perspektivisch mit klimaneutralen Gasen betrieben werden und stabilisiert die Netze, wenn Wind und Sonne schwanken.

Nationale Notfall-Reserve

Wir müssen jedoch auch in den Blick nehmen, dass es 100prozentige Sicherheit nicht gibt. Wie wir in einem Großschadensfall wie in Berlin gesehen haben, muss es darum gehen, die Versorgung so schnell wie möglich wieder provisorisch herstellen zu können. Der Verband kommunaler Unternehmen fordert daher eine nationale Notfall-Reserve: mobile Kraftwerke, Speicher und Ersatzanlagen, die in speziellen Versorgungshubs regional über Deutschland verteilt, bereitstehen. Das Ziel muss sein: Möglichst binnen 24 Stunden soll der Strom provisorisch wieder fließen. 

Die Reparatur zerstörter Stromnetzinfrastruktur ist oftmals technisch und logistisch hochkomplex und kann erhebliche Zeit in Anspruch nehmen. Der Aufbau sogenannter Inselnetze mithilfe mobiler, schnell einsetzbarer dezentraler Stromerzeugung ist daher häufig die einzige Möglichkeit, kurzfristig eine Notversorgung sicherzustellen. Eine zentrale Anlaufstelle für betroffene Netzbetreiber soll ermöglichen, dass die Reserve ohne Kompetenzstreitigkeiten und mit nur einem einzigen Anruf aktiviert werden kann.

Auch die aktuelle geopolitische Situation führt uns vor Augen, wie vielschichtig das Thema ist. Der zügige Ausbau erneuerbarer Energien und der damit notwendigen Infrastruktur senkt die Abhängigkeit Deutschlands. Wir werden Angriffe und Störungen nie vollständig verhindern können. Aber wir können die Schadenstiefe minimieren, so dass sie unser Zusammenleben nicht länger lahmlegen. Die wahre Stärke einer Gesellschaft zeigt sich daran, wie gut sie damit zurechtkommt, wenn etwas passiert. 

Schlagwörter
Autor*in
Kai Lobo
Dr. Kai Lobo

ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Geschäftsführer der Abteilung Energiewirtschaft im Verband kommunaler Unternehmen (VKU)

Weitere interessante Rubriken entdecken

0 Kommentare
Noch keine Kommentare