Perspektiven

Weshalb der Ausbau von Elektro-Ladesäulen für Stadtwerke ein Risiko ist

12. Dezember 2025 10:21:26

Stadtwerke haben mit öffentlichen Ladepunkten den Grundstein für die E-Mobilität in gelegt. Ein Gewinnbringer sind die Säulen häufig nicht. Was jetzt passieren muss, damit die Ladeinfrastruktur trotzdem weiter ausgebaut wird – ein Gastbeitrag von Kai Lobo (VKU).

Ein E-Auto wird an einer Ladesäule aufgeladen.

Ein E-Auto wird an einer Ladesäule aufgeladen.

Es ist eine stille Revolution, die auf unseren Straßen, in Garagen und auf Betriebshöfen stattfindet. Keine, die laut röhrt oder rußt, sondern eine, die surrt und vernetzt ist. Die Zahl der Elektroautos wächst, die Ladeinfrastruktur ebenfalls: Rund 180.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte, darunter mehr als 44.000 Schnelllader, sind inzwischen installiert. Die verfügbare Ladeleistung liegt bei mehr als 7,3 Gigawatt. Das ist ein Fortschritt, doch die Realität ist komplexer als die Statistik vermuten lässt.

Niedrige Auslastung

Die Versorgung ist ungleich verteilt. Während in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern rechnerisch zwölf Fahrzeuge auf einen Ladepunkt kommen, müssen sich im Saarland fast 25 Elektroautos eine Säule teilen. Selbst dort, wo die Infrastruktur vorhanden ist, bleibt die Auslastung oft gering. Vor allem im ländlichen Raum stehen Schnelllader häufig ungenutzt, Normalladepunkte erreichen kaum fünf Prozent Auslastung. Das gefährdet die Wirtschaftlichkeit und verzögert den Ausbau.

Warum ist das so? Weil die meisten Ladevorgänge zu Hause stattfinden, an der privaten Wallbox. Bis zu 90 Prozent aller Ladevorgänge erfolgen im eigenen Carport oder in der Garage. Das ist bequem und effizient. Aber es schafft ein Dilemma: Öffentliche Ladepunkte sind für die Verkehrswende unverzichtbar, doch ihre Nutzung bleibt hinter den Erwartungen zurück. Für Stadtwerke, die diese Infrastruktur errichten und betreiben, bedeutet das ein hohes wirtschaftliches Risiko.

Ladesäulen ausbauen

Ladesäulen sind die Tankstellen des 21. Jahrhunderts. Aber sie entstehen nicht von allein. Sie brauchen Platz, Netzanschluss, Betrieb und Wartung. Stadtwerke sind von Beginn an zentrale Akteure: Lange bevor privatwirtschaftliche Akteure begonnen haben, zu investieren, haben sie mit ihren Investitionen in öffentlich zugängliche Ladepunkte den Grundstein für die heutigen Ausbauerfolge gelegt. Und sie investieren weiter.

Außerdem kennen sie ihre Netze, ihre Kunden und die Topografie. Sie wissen, wo der nächste Windpark entsteht, wo das nächste Wohnquartier wächst und wo das Stromnetz ausgebaut werden muss. Doch Stadtwerke kämpfen auch gegen Hürden wie die allgemeine Flächenknappheit, langwierige Genehmigungen und neue Phänomene, wie Vandalismus und Kabeldiebstahl.

Das Netz als Fundament

Die eigentliche Aufgabe liegt unsichtbar unter der Erde. Wo mehr Strom geladen wird, muss auch mehr Strom fließen. Das Stromverteilnetz ist das Rückgrat der Energiewende und damit auch der E-Mobilität. Schon heute stoßen Verteilnetze stellenweise an Grenzen, weil immer mehr Leistung nachgefragt wird, um neben der Ladeinfrastruktur auch Wärmepumpen oder Photovoltaikanlagen anzuschließen. 

Die Stadtwerke wissen das. Sie planen und investieren, doch der Netzausbau braucht Zeit, Personal, Material und verlässliche politische Unterstützung. Als Interessenverband fordern wir verlässliche Planungsgrundlagen, beschleunigte Genehmigungsverfahren durch eine bessere personelle und digitale Ausstattung der Genehmigungsbehörden und eine faire Flächenbereitstellung, nicht nur durch die Kommunen, sondern auch die Länder und den Bund. Förderprogramme müssen auch für kommunale Unternehmen zugänglich sein, ohne dass sie sich in Bürokratie verlieren. Nachrüstpflichten, die bestehende Ladesäulen wirtschaftlich gefährden, müssen vermieden werden und die eichrechtlichen Vorgaben für Ladepunkte müssen vereinfacht werden.

Intelligente Smart Meter

An dieser Stelle kommt der Smart Meter ins Spiel. Das intelligente Messsystem ist ein zentraler Baustein bei diesem Wandel. Er misst nicht nur Stromverbräuche, sondern schafft Transparenz im System und Steuerbarkeit. Er macht sichtbar, wann und wo Energie gebraucht wird und erlaubt, Lasten intelligent zu verteilen. 

Für Stadtwerke ist der Smart Meter die Schnittstelle zwischen Netz und Nutzer. Wenn viele gleichzeitig laden wollen, hilft er das Netz durch zeitversetztes Laden, flexible Tarife und dynamische Steuerung zu entlasten. Die flächendeckende Einführung intelligenter Messsysteme hilft, Stromnetze effizienter auszulasten und Ladeinfrastrukturen effizient zu nutzen. 

Ausblick und Fazit

Es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren: Deutschland hat mehr öffentliche Ladepunkte für E-Autos als Zapfsäulen für Verbrennerfahrzeuge. Das ist gut, denn die Abkehr von fossilen Energieträgern kann uns zum einen unabhängiger von Energieimporten machen. Zum anderen bedeuten weniger Verbrennungsmotoren auf unseren Straßen eine bessere Luft- und damit Lebensqualität, vor allem in Ballungszentren. Aber noch immer gibt es weiße Flecken auf der Landkarte. Elektromobilität darf kein Flickenteppich bleiben. Wer sie will, muss sie einfach und verlässlich machen – überall. Die Stadtwerke sind bereit, diese Aufgabe zu übernehmen. 

Auch die Automobilindustrie muss ihrer Verantwortung nachkommen: Während der Energiesektor in den vergangenen zehn Jahren massiv Emissionen abbauen konnte, bleibt der Verkehrssektor deutlich hinter den Klimazielen zurück. Die Verkehrswende ist mehr als ein technisches Projekt, sie ist eine gesamtgesellschaftliche und soziale Aufgabe. Wer heute investiert, legt fest, wer morgen wie mobil ist. Deshalb braucht es faire Strompreise, verlässliche Netze und eine Ladeinfrastruktur, die niemanden ausschließt.

Dr. Kai Lobo ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Leiter der Abteilung Energiewirtschaft beim Verband kommunaler Unternehmen (VKU).

Autor*in
Kai Lobo
Dr. Kai Lobo

ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Geschäftsführer der Abteilung Energiewirtschaft im Verband kommunaler Unternehmen (VKU)

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