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Wie Lübeck ein Kaufhaus zum Begegnungshaus umbaut

31. Dezember 2025 09:20:00

Der Karstadt in der Lübecker Altstadt hatte keine Zukunft mehr. Die Stadt verlässt sich nicht auf Investoren, sondern baut das Gebäude selbst um. Bald werden dort Schülerinnen und Schüler sowie Kunst- und Kulturschaffende einziehen.

Blick auf das ehemalige Karstadt-Gebäude in der Lübecker Innenstadt

Blick auf das ehemalige Karstadt-Gebäude in der Lübecker Innenstadt

Ganz schön mutig, was Lübeck sich vorgenommen hat: Das ehemalige Karstadt-Gebäude in der Innenstadt mit rund 8.000 Quadratmetern Nettoraumfläche wird umgewandelt zu einem Zentrum für Bildung, Kultur und Begegnung. Dazu hat Lübeck es für knapp 14 Millionen Euro gekauft und will es nun umbauen – in Eigen­regie, mit Ideen, die zusammen mit der Stadtgesellschaft entwickelt wurden. Für die Entscheidung gibt es zahlreiche Gründe. Der Ort ist städtebaulich bedeutsam. Das Kaufhaus befindet sich auf der historischen Altstadtinsel neben der Marienkirche. Die wiederum ist Teil des UNESCO-Welterbes der Lübecker Altstadt und gilt als Mutterkirche der Backsteingotik.

Haus gehört zur Stadtgeschichte

Hinzu kommt die Bedeutung des ­Karstadt-Hauses für die Stadt. „Lübeck ohne Karstadt, das konnte sich eigentlich niemand vorstellen“, sagt Bürgermeister Jan Lindenau (SPD). Die Filiale, die zweite nach dem Mutterhaus in Wismar, war der zentrale Angelpunkt in der Stadt. Viele Lübecker Familien haben hier während der vergangenen 140 Jahre eingekauft und gearbeitet. Damit schloss 2024 nicht nur ein Warenhaus endgültig seine Türen. Auch ein neues Stück Stadt­geschichte wurde geschrieben.

Bürgermeister

Jan Lindenau ist seit 2018 Bürgermeister der Hansestadt Lübeck. Diese solle das ehemalige Kaufhaus in Eigenregie umbauen und betreiben, sagt er.

Porträtfoto Jan Lindenau

Denn im Ende steckte auch eine Chance. In Lübeck hieß das: Für die ­Verkaufsfläche eine neue Nutzung entwickeln. Dafür nahmen die Lübecker sich Zeit. Bis Ende November wurde das Gebäude zum „Übergangshaus“. Kreative konnten es nutzen, Menschen sich austauschen, sich treffen, um zu arbeiten, zu lernen oder einfach nur zu entspannen – rund 100.000 kamen in zwei Jahren. Parallel dazu entstanden Ideen für den langfristigen Umbau. „Wir betreten Neuland“, sagt Lindenau. Der Grund: Die Stadt Lübeck will das Haus keinem Investor übergeben, sondern in Eigenregie umbauen und betreiben. Mittlerweile erreichen den Bürgermeister europaweit Anfragen von anderen Kommunen, die wissen wollen, was Lübeck genau vorhat und wie die Stadt das umsetzen will.

Kaufhaus-Idee entstand unter der Dusche

Der Bürgermeister erklärt die Lage so: Die vier Lübecker Altstadt-Gymnasien leiden unter Raumnot, können jedoch aus Denkmalschutzgründen schwer erweitern. „Ich bin am Morgen vor der Senatssitzung unter der Dusche die Flächen in der Stadt durchgegangen und kam zum Ergebnis: Das Einzige, was als Großfläche da ist, ist das Karstadt-­Gebäude. Weshalb ich am Abend drauf gefragt habe: „Was haltet ihr davon, wenn wir das kaufen?“ 

Die erste Reaktion sei Ungläubigkeit gewesen, aber nach und nach hätten die Stadtvertreterinnen und -vertreter die Chancen gesehen, nicht nur für die Schulen, sondern auch für die Belebung der Innenstadt. Es folgten Planungsworkshops mit Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften, Studierenden sowie Kunst- und Kulturschaffenden, in denen gemeinsam ein Konzept entwickelt wurde, das mehr ist als eine Schule mitten in der Altstadt.

Umbau ist günstiger als neues Schulgebäude

Das Haus soll ein Ort der Begegnung bleiben: Die Altstadtgymnasien werden die Räume gemeinsam nutzen. „Die Schülerinnen und Schüler und die Studierenden waren als erstes von der Idee begeistert“, sagt der Bürgermeister. Nach einer Weile waren es auch die Eltern und die Lehrkräfte. „Wer sich jetzt gegen das Projekt stellt, hat wenig ­Freude. Es war ein guter Prozess“, so ­Lindenau. 

Es wird ein gläsernes Tonstudio des ­offenen Kanals geben. Die Musikhochschule, die ebenfalls unter Raumnot leidet, erhält einen Proben- und Konzertraum. Es gibt Räume für Workshops und ­Pop-up-Aktivitäten, Kunstausstellungen und eine große Fahrradabstellanlage, die vom Bund und Land als Beitrag zur Verkehrswende finanziell gefördert werden kann. Für Umbau und Betrieb will die Stadt Gelder von Stiftungen einwerben, und die Nutzerinnen und Nutzer werden Miete zahlen. Das kann die Kosten von circa 40 Millionen Euro nicht decken, aber ein neues Schulgebäude zu bauen und zu betreiben wäre deutlich teurer, erklärt Lindenau. 

Für den Bürgermeister ist die Umgestaltung des Kaufhauses Teil des innerstädtischen Wandels. Einkaufen verliert an Bedeutung. Begegnung, Erleben und Aufenthaltsqualität werden wichtiger, auch in Lübeck. Die Menschen und das Umfeld immer mitdenken, ist Lindenaus Devise. Die mit rund 223.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt in Schleswig-Holstein ist mit rund 16 Millionen Tagesgästen im Jahr ein Touristenmagnet. 

Verweilen, staunen, genießen soll auch möglich sein, ohne Geld ausgeben zu müssen. Dazu hat Lübeck eine grüne Oase geschaffen: den „Übergangs­garten“. Seit Sommer 2022 wachsen auf dem Koberg, Lübecks zweitgrößtem Platz, in 200 Hochbeeten von März bis Oktober Kräuter, Blumen, Obst und Gemüse. Es gibt Sitzmöglichkeiten und eine Sandkiste. Der Garten hat sich zu einer Innenstadt-Attraktion entwickelt, für die Handel und Wirtschaft die Mitfinanzierung übernommen haben.

Mehr Informationen:
luebeck.de

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