„Die Sitzungsvorlagen sind meine Top-Lektüre”
Was Julius Noah Siebert in seinem ersten Jahr als Stadtrat in Oberkochen erlebt hat.
Oliver Geiger
Julius Noah Siebert (SPD) meint: Auch die jungen Menschen sollten vom hohen Gewerbesteuereinkommen der Stadt Oberkochen profitieren.
Ich bin 24 Jahre alt und wohne schon mein ganzes Leben in Oberkochen, einer 8.000-Einwohner-Stadt in Ostwürttemberg. Seit knapp vier Jahren bin ich Vorsitzender des SPD-Ortsvereins. Und auch wenn zwar am Abendbrottisch über die Nachrichten gesprochen wurde, bin ich nicht in einem ehrenamtlich oder politisch aktiven Elternhaus aufgewachsen. Als Arbeiterkind und Erstakademiker haben mich die Umstände politisiert. Meine Mutter ist Erzieherin, mein Vater Industriemechaniker. Dem Stahlbetrieb, wo er gearbeitet hat, ging es zeitweise sehr schlecht. Die Frage, ob Papa seinen Job verliert, hat mir die Wichtigkeit von stabiler Arbeit beigebracht. So kam ich zur SPD. Zur Kommunalpolitik brachte mich die Debatte über unser Schwimmbad – also ob wir unser baufälliges Bad überhaupt noch brauchen, ob es saniert oder neu gebaut werden soll. Als Mitglied im Schwimmverein war für mich die Sache klar. Mittlerweile haben wir ein neues Bad.
Stadtrat Julius Noah Siebert: Nicht nur reden, auch verändern
Mit 16 bin ich in die SPD eingetreten und habe mich bei den Jusos engagiert. Mir war immer bewusst, dass es mir nicht reicht, mit anderen Leuten schöne Diskussionen zu führen. Wenn ich Politik mache, dann will ich auch etwas im Leben der Menschen verändern. Zum Glück haben mich die älteren Genossinnen und Genossen immer unterstützt. Auch als die Frage kam, ob ich mir vorstellen könnte, den Ortsvereinsvorsitz zu übernehmen. In den Stadtrat wurde ich 2024 gewählt, weil mich die Wählerinnen und Wähler vom letzten auf den dritten Platz der SPD-Liste hochgewählt haben.
Wahrscheinlich ist Oberkochen eine der pro Kopf reichsten Kommunen Deutschlands. Wir haben ein enorm hohes Gewerbesteueraufkommen. Deshalb gibt es hier viele Möglichkeiten, die Stadt zu gestalten. Mein Antrieb war es, dass ein Teil dieses Wohlstands auch in die Interessen junger Menschen investiert wird. Insbesondere eine Kleinstadt muss jungen Menschen etwas bieten. Sie brauchen Hobby- und Freizeitangebote. Da rede ich nicht von Millionenprojekten, sondern von ganz banalen Sachen. Ich habe mich zum Beispiel gefragt, warum es bei uns keinen Calisthenics-Park gibt. Das ist eine Art Turnanlage, wo man sich fit halten kann. Mein Eindruck ist, dass die älteren Damen und Herren im Gemeinderat solche Dinge nicht immer im Blick haben. Deshalb braucht es junge Leute, die diese Themen ins Gremium tragen. Bei uns wird jetzt das alte Schwimmbad zu einer Sporthalle umgebaut, und draußen kommt eine Calisthenics-Anlage dran.
Gutes Miteinander im Stadtrat
Unter den Parteien im Stadtrat gibt es hier ein sehr gutes Miteinander. Die CDU als größte Fraktion ist ein verlässlicher Partner. Mit den Grünen verstehe ich mich sowieso und auch mit den Freien Wählern funktioniert die Zusammenarbeit. Anfangs war ich überrascht, wie gut ich mit unserem Bürgermeister auskomme, der ein älterer und eher konservativer Herr ist. Trotzdem haben wir einen großen gegenseitigen Respekt entwickelt. Dafür bin ich ihm und den anderen Mitgliedern dankbar. Der störende Faktor sind die zwei AfD-Mitglieder im Stadtrat. Die lehnen immer alles aus Prinzip ab.
Ratsmitgliedschaft: Ehrenamt ohne Feierabend
Als Ratsmitglied in Oberkochen hat man drei Pflichtveranstaltungen im Monat: Eine Fraktionssitzung, eine Ausschusssitzung und eine Gemeinderatssitzung. Zusammen ergibt das einen Aufwand von zwölf bis 15 Stunden. Aufwendiger ist das ganze Drumherum. Dass Menschen in der Stadt einen kennen, ansprechen, und zu Veranstaltungen einladen ist schön. Und ich mache das gerne, weil ich die Anliegen der Leute verstehen will. Gleichzeitig geht das auf Kosten meiner Freizeit.
Der Gemeinderat ist ein Ehrenamt. Dazu kommt die Arbeit in Aufsichtsräten und Zweckverbänden. Unter anderem vertrete ich meine Stadt in einem Zweckverband zur Erschließung eines gemeinsamen Gewerbegebiets. Es müssen Grundstücke gekauft, Aufträge vergeben oder Strom- und Wasserleitungen verlegt werden. Alle sechs Monate treffen wir uns, um den aktuellen Stand zu besprechen. Mein Tipp an junge Leute: Lasst euch niemals einreden, dass ihr für solche Aufgaben nicht geeignet oder qualifiziert seid! Als Gemeinderatsmitglieder sind wir gewählte Vertreter unserer Kommunen und haben ein Recht, hier mitzureden. Ich arbeite und studiere in Stuttgart, das liegt mehr als 80 Kilometer entfernt. Trotzdem kam für mich nie infrage, wegzuziehen. Ich bin in Oberkochen verwurzelt, habe hier meine Familie, bin in Vereinen aktiv. Deswegen muss ich pendeln. Das ist eine Herausforderung, aber es ist möglich.
Hilfreich ist es als junger Politiker, wenn man ein Vertrauensverhältnis zu zwei oder drei älteren Mitgliedern im Gemeinderat hat. Die können einen unterstützen, aber auch mal zur Seite nehmen und das eigene Verhalten kritisch reflektieren. Nach meinem ersten Jahr im Rat kann ich sagen: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt! Ich freue mich auf jede einzelne Rats- oder Ausschusssitzung. Wenn ich per E-Mail die Benachrichtigung bekomme, dass die Sitzungsvorlagen hochgeladen wurden, ist das meine Top-Lektüre an diesem Tag. Denn die Themen hier im Ort sind unfassbar interessant und vielfältig.
Dirk Bleicker
ist Leitender Redakteur der DEMO. Er hat „Public History” studiert.