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Region im Wandel: Wie sich Südwestsachsen mit einem Masterplan neu erfindet

16. April 2026 13:44:26

Die Finanznöte des Autobauers Volkswagen brachten viele Turbulenzen in die Industrieregion. Die Pläne für einen Masterplan, der die Region zukunftsfester machen soll, gibt es bereits. Dank des Sondervermögens des Bundes soll nun die Transformation gelingen. 

Zwei Arbeiter in eeinem Eisenwerk in Erla

Das Eisenwerk im erzgebirgischen Erla liefert seit Jahrzehnten Gusskomponenten für den Automobilbau zu. Nun muss man sich im Zuge der Absatzkrise von VW auch hier neu orientieren.

Mit einigem Hintersinn ließe sich fragen, ob in Zeiten, da Milliardenschulden zu (Sonder)Vermögen umetikettiert werden, jene Bundesländer also die vermögendsten sind, die die höchsten Hypotheken bedienen. Oder andersherum: Sind die am wenigsten verschuldeten Länder quasi die ärmsten? Immerhin steht Sachsen zwar mit sechs Milliarden Euro in der Kreide, doch unter den 16 Bundesländern ist der ostdeutsche Freistaat damit einsamer Spitzenreiter – vor Mecklenburg-Vorpommern (8,1 Milliarden), dem Saarland (13,4 Milliarden) und Thüringen (15,4 Milliarden). Andererseits dominieren chronisch reiche Länder wie Baden-Württemberg (41,3 Milliarden), Hessen (44,4 Milliarden), Niedersachsen (57,3 Milliarden) und vor allem Nordrhein-Westfalen (175,9 Milliarden) das Schlussdrittel.

Trotz des niedrigen Schuldenstands kämpft Sachsen zuweilen ums Überleben. Und hier speziell die Kommunen, die derzeit „von Rekorddefizit zu Rekorddefizit“ taumelten, so Juliane Pfeil, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion sowie Sprecherin für Haushalt, Finanzen und Kommunales. Ein Drittel der Kommunen könne Kredite und nötige Investitionen nicht mehr aus den laufenden Einnahmen finanzieren, gut die Hälfte hatte bereits 2024 strukturelle Haushalts­probleme. In der Folge bleiben aus Geldmangel etwa in Dresden 91 von 99 Brunnen trocken, wurde in Aue-Bad Schlema das Stadtfest abgeblasen, schloss in Leisnig das spektakuläre Stiefelmuseum.

In Sachsens Südwesten sind 20.000 Jobs bedroht

Besonders hart trifft es indes jene Ecken, die noch zusätzlich unter der aktuellen Wirtschaftsflaute leiden, wie Sachsens Südwesten um Chemnitz, Zwickau, Erzgebirge und Vogtland. Hier etablierte sich nach 1990 rund um die VW-Werke eine prosperierende Zulieferindustrie, von der auch Hochschulen und Berufsakademien partizipierten. Doch seit der Autoabsatz schwächelt, darbt das ganze Revier. Die hier stattfindenden tiefgreifenden Veränderungen „gefährden rund 20.000 Jobs“, weiß Juliane Pfeil, die im vogtländischen Plauen zu Hause ist. „Steht bei VW ein Band, steht es 20 Minuten später auch bei den anderen.“ Überdies verließen weitere große westdeutsche Unternehmen die Region und verursachten damit ein „typisch ostdeutsches Problem“: Hier betreibe man stets nur den zweiten Standort – und den mache man eben dicht, wenn es eng werde.

Vor diesem Hintergrund gibt es in Sachsens Südwesten schon lange Pläne für einen strategischen Masterplan, der die Region zukunftsfester umgestalten soll – auch angelehnt an sächsische Erfahrungen bei der Transformation früherer Braunkohlereviere. Zentrales Steuerungsinstrument ist der Regionalkonvent Südwestsachsen, über den vor allem die Landräte der vier involvierten Kreise sowie der Chemnitzer OB Sven Schulze (SPD) eine Schlüsselrolle übernehmen. „Gemeinsam will man Kräfte und Ressourcen bündeln, neue Wachstumskerne erschließen, Innovationen fördern und die Infrastruktur belastbar ausbauen“, so die SPD-Politikerin. Bewusst setzten die Macher dabei auf einen stark partizipativen Prozess, in den sich Unternehmen und Gewerkschaften ebenso einbringen wie Wissenschaft, Kammern und die ­Zivilgesellschaft vor Ort.

Geld für Investitionen ist jetzt da

Die Idee zu diesem übergreifenden Konzept war maßgeblich in der SPD-Landtagsfraktion herangereift. Nun muss sie vom vormaligen Fraktionschef und heutigen Wirtschaftsminister Dirk Panter auch mit Leben gefüllt werden. Die Chancen hierfür sind besser denn je. Denn Sachsen erhält aus dem Sondervermögen des Bundes für zwölf Jahre gut 4,8 Milliarden Euro. Rund 2,8 Milliarden Euro davon sind direkt für kommunale Investitionen reserviert – und eine knappe halbe Milliarde steht exklusiv den südwestsächsischen Landstrichen im Strukturwandel zu: weg vom Verbrenner, hin zu neuen Technologien. Im September wurden die ersten 549.000 Euro an Fördermitteln für die Erarbeitung des Masterplans übergeben, offizieller Startschuss war am 11. Dezember in Chemnitz, Ende 2026 soll er druckreif sein.

Dass in dieser übergreifenden Gemengelage Rivalitäten nicht ausbleiben, ist nachvollziehbar. Manches dürfte noch für Debatten sorgen im Regionalkonvent. Hierzu gehöre auch die Rolle der größeren kreisangehörigen Städte, etwa Zwickau und Plauen, gibt Juliane Pfeil zu bedenken. Denn bisher laufe alles nur unter der Ägide der Landräte. „Hier muss man noch nachsteuern, mehr in die Breite gehen – und vor allem den Kommunen mehr vertrauen“, so die Fraktionsvizechefin. Nur so werde der Masterplan wirklich das „starke Signal für Zusammenarbeit und Zusammenhalt in der Region“. Da die 39-Jährige zugleich Kreisrätin für ihre Heimatstadt Plauen im vogtländischen Kreistag ist, weiß sie ­genau, wovon sie spricht.

 

Dieser Text stammt aus der DEMO-Heftausgabe 1/2026.

Autor*in
Harald Lachmann

  ist diplomierter Journalist, arbeitete zunächst als Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung, zuletzt als Ressortleiter Politik, und schreibt heute als freier Autor und Korrespondent für Tages-, Fach- sowie Wirtschaftszeitungen. Für die DEMO ist er seit 1994 tätig.
 
 

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