Wie Schmölln Heizwärme aus einem Klärwerk nutzt
Die Kommune Schmölln in Ostthüringen ist ein Vorreiter bei der Nutzung von Abwässern für die Fernwärmeversorgung.
Harald Lachmann
Das Klärwerk der Stadt Schmölln ist die Grundlage für eine Reduzierung der CO2-Emissionen um rund 84 Prozent.
Wann immer ein Bewohner in den zwölf Blöcken der Robert-Koch-Siedlung die Toilette spült, leistet er damit auch einen Beitrag zur Wärmeversorgung des Quartiers. Das klingt für den Moment etwas schräg, doch im Grunde verdeutlicht es nur einen verblüffenden Kreislauf, wie es ihn in dieser Konsequenz bundesweit zuvor noch nicht gab. Denn dieses Viertel in der thüringischen 13.500-Seelen-Stadt wird mit dem beheizt, was das benachbarte kommunale Klärwerk dem Brauchwasser an Wärmeenergie entzieht. „Dessen Wärmegehalt beträgt je nach Saison bis zu 22 Grad, im Mittel immerhin 15 Grad“, erläutert Schmöllns Bürgermeister Sven Schrade (SPD).
Schmölln: Umsetzung der Agenda 2030 auch vor Ort
Der 41-Jährige, der die Kommune schon ein gutes Jahrzehnt regiert, ist selbst kein Techniker. Doch er hat mit seinem jungen Stadtwerke-Geschäftsführer Severin Kühnast einen solchen im Team, zumal dieser einst Nachhaltiges Wirtschaften studierte und später zunächst die Servicestelle Windenergie der Thüringer Energie- und GreenTech-Agentur leitete.
Die Schmöllner begannen beizeiten, sich nachhaltig aufzustellen, auch wenn das „in der heutigen Zeit gefühlt eher komplizierter wird, was Transformationsprozesse im Umwelt- und Klimabereich betrifft“, beobachtet Schrade. Schon zehn Jahre beteiligt sich Schmölln etwa am Projekt „Global Nachhaltige Kommune Thüringen“, um die Agenda 2030 auch vor Ort zu verstetigen.
Kommunale Wärmeplanung früh ein Thema
Als erste Stadt im Altenburger Land ging man auch die kommunale Wärmeplanung an. Bereits 2022 gab es zudem Fördergeld vom Bund, als Schmölln im Rahmen der Kommunalrichtlinie eine Potenzialstudie zur Nutzung gewerblicher Abwärme für die nachhaltige Wärmeerzeugung bezuschusst bekam. „Um Klärwärme ging es da noch nicht“, erinnert sich der Rathauschef, „aber wir wissen schon lange: Gas ist endlich, wir müssen uns mit Alternativen beschäftigen.“ So sei man irgendwann auf die Idee mit der Klärwärme gekommen. Ganz neu war das inzwischen nicht mehr. Aber diese Technologie eben nicht nur im Neubau einzusetzen, sondern auch im Wohnungsbestand, zudem in der Dimension von gleich zwölf Wohnblöcken aus den 1960er und 70er Jahren – das gab es noch nirgends.
Mit dem eher überdimensioniert bemessenen Klärwerk gab es denn zumindest eine technische Basis hierfür. Doch finanziell schien solch ein 3,5 Millionen Euro teures Vorhaben für eine kleine Stadt nicht zu stemmen zu sein. Dann spielte den Schmöllnern aber das Glück des Tüchtigen in die Hände: Bei einem Besuch des damaligen Thüringer Umweltministers Bernhard Stengele (Grüne) in Schmölln stellten diesem Schrade und Kühnast ihre Ideen vor.
Und der war offenbar so begeistert davon, dass er eine 90-prozentige Förderung in Aussicht stellte. Das Land brauchte halt einerseits innovative Einfälle, „die man auch mal ins Schaufenster stellen konnte“, so Schrade, und andererseits tragfähige Projekte, um das sogenannte Landes-Sondervermögen Corona und Energie sinnvoll auszugeben. Bedingung dabei: „Wir mussten alles binnen eines Jahres hinbekommen“, so der Bürgermeister, der übrigens seine beiden Direktwahlsiege stets im ersten Durchgang erzielt hatte.
Energiezentrale und kaltes Nahwärmenetz
Und die Schmöllner schafften es. Sie errichteten in der Kläranlage eine Energiezentrale inklusive Pufferspeicher, verlegten ein 1,7 Kilometer langes kaltes Nahwärmenetz, statteten die Wohnblocks mit Wärmetauschern sowie mit Photovoltaikanlagen auf den Dächern aus, um auch den Strom für die nötigen Wärmepumpen selbst zu erzeugen. Auch die Partnerschaft mit der VR-Bank Altenburger Land eG, die die Wohnhäuser genossenschaftlich managt, habe sich als sehr fruchtbar erwiesen, betont Schrade.
Und der Erfurter Minister, der am Ende mit 3,2 Millionen Euro mit im Boot war, fand nur lobende Worte für die Schmöllner: Immerhin hätte man „einige dicke Bretter bohren“ müssen, doch „wenn man eine gute Idee hat und den nötigen Willen, dann geht es auch voran“, so Stengele. Inzwischen gebe es auch schon Überlegungen, das Klärwärme-Projekt auf ein benachbartes Gymnasium und einen kommunalen Kindergarten zu erweitern, blickt man im Rathaus nach vorn.
Bereits jetzt kann Sven Schrade mit einigen beachtlichen Zahlen aufwarten: Dank jener Klärwärmetechnologie reduziert seine Stadt die Kohlendioxid-Emissionen drastisch um 175 Tonnen jährlich, was einer Verringerung um 84 Prozent entspricht. Zudem wird die lokale Wertschöpfung erhöht, behalten bestehende Gebäude ohne kostenintensive Umbauten ihren Nutzwert, und auch bereits vorhandene Abwasser- und Abwärme-Quellen werden nachhaltig (zweit)verwertet. Darum gebe es inzwischen schon aus ganz Deutschland Anfragen, freut sich der Bürgermeister.
Harald Lachmann
ist diplomierter Journalist, arbeitete zunächst als Redakteur bei der Leipziger Volkszeitung, zuletzt als Ressortleiter Politik, und schreibt heute als freier Autor und Korrespondent für Tages-, Fach- sowie Wirtschaftszeitungen. Für die DEMO ist er seit 1994 tätig.