Warum Barmstedts neuer Bürgermeister mit leeren Kassen kämpft
Die Stadt Barmstedt im Süden von Schleswig-Holstein steckt in einer strukturellen Finanzkrise. Das gefährdet die Handlungsfähigkeit der Stadt. Der Fall zeigt beispielhaft, vor welchen Probleme viele Kommunen stehen.
Susanne Dohrn
Kämmerer Wolfgang Maier und Bürgermeister Florian Rodenberg (SPD) kämpfen in Barmstedt mit einem Millionendefizit.
Rund 64 Prozent, mit diesem Traumergebnis gewann Florian Rodenberg (SPD) 2025 die Bürgermeisterwahl in Barmstedt. „Die SPD hat mich nominiert und ganz toll im Wahlkampf unterstützt“, sagt Rodenberg. Zum Gespräch hat er seinen Hund Freddie mitgebracht, ein freundliches Fellbündel, das in einer Ecke des Besprechungszimmers sofort in Tiefschlaf fällt.
Rodenbergs Rüstzeug: Er ist Rechtsanwalt, Verwaltungsjurist, Mediator und hat 20 Jahre Berufserfahrung in der Hamburger Ministerialverwaltung, auch als Führungskraft. Er ist freundlich, offen und zugewandt. Das hat ihm in der Wählerschaft eine breite Unterstützung verschafft. „Als Verwaltungschef mache ich keine Parteipolitik. Meine Aufgabe ist es, gute, mehrheitsfähige Vorschläge zu machen, die dann rechtssicher umzusetzen sind“, sagt der 52-Jährige, der inzwischen in Barmstedt lebt.
Bürgermeister übernimmt dauerhaft schwierige Finanzlage
Übernommen hat er eine dauerhaft schwierige Finanzlage. Barmstedt verfügt seit etwa 15 Jahren zumeist nicht über einen ausgeglichenen Haushalt, erklärt Kämmerer Wolfgang Maier. Die 10.500-Einwohner-Stadt knapp 40 Kilometer nördlich von Hamburg liegt idyllisch an einem See, aber Idylle füllt keine Kassen. Eine Autobahn in unmittelbarer Nähe gibt es nicht. In den 1960er Jahren sollte nordöstlich von Barmstedt ein Flughafen als Ersatz für Hamburg Fuhlsbüttel entstehen. Er wurde nie gebaut, aber die auf dieses Vorhaben ausgerichtete Landesplanung schränkte die Ausweisung von Gewerbegebieten ein.
Gewerbesteuereinnahmen machen den Löwenanteil von Kommunalfinanzen aus, im Durchschnitt 48 Prozent. In Barmstedt sind es mit 2,8 Millionen etwas mehr als zehn Prozent. Für dieses Jahr sagt Kämmerer Maier ein Defizit von 7,6 Millionen Euro voraus, bei Erträgen von 23 bis 24 Millionen.
Wer bestellt, bezahlt (nicht)
Mit dem defizitären Haushalt steht Barmstedt in Schleswig-Holstein nicht allein. Die Kommunen im Norden befinden sich „in der schwersten Finanzkrise der letzten Jahrzehnte“, stellte der Landkreistag Schleswig-Holstein im November 2025 fest. Für 2026 nimmt er ein Rekorddefizit von mehr als 300 Millionen Euro an, und „auch für die weiteren Jahre droht eine weitere Zuspitzung“. Die kommunale Handlungsfähigkeit sei akut gefährdet. Als einen wichtigen Grund für die finanzielle Misere nennt der Landkreistag, dass das Prinzip „Wer bestellt, bezahlt“ nicht umgesetzt werde.
Rodenberg: „Wir sollen die Kinder digital erziehen. Also müssen wir ihnen in den Schulen iPads zur Verfügung stellen. Die Geräte muss man kaufen, warten, technisch betreuen, damit nicht irgendwelche Spiele darauf gespielt werden oder Apps heruntergeladen. Das macht unser IT-Dienstleister. Das kostet etwa 580.000 Euro im Jahr.“ Zwar gibt es den Digitalpakt des Bundes, der bis 2030 auch Mittel für digitale Bildung bereitstellen soll, aber laufende Kosten würden damit nicht gedeckt, sondern lediglich die Beschaffung der Ausrüstung.
Kommune soll Ganztagsausbau und Wärmeplanung stemmen
Ab dem 1. August 2026 gilt ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen, „aber das wirklich gute Ziel des Bundes kostet uns derzeit für den schon angebotenen Standard circa 390.000 Euro. Unbekannt sind die zusätzlichen Kosten für die Erfüllung des Rechtsanspruches“, so der Bürgermeister. Hinzu kommen neue Aufgaben wie kommunale Wärmeplanung und klimaneutrale Energieversorgung. Die Erhöhung der Kreisumlage 2026 belastet den Haushalt mit 335.000 Euro. Die Wache der Freiwilligen Feuerwehr muss erneuert werden, veranschlagt sind derzeit mindestens 20 Millionen Euro. Rodenberg: „Menschen, die sich freiwillig und ehrenamtlich für das Gemeinwohl engagieren, brauchen optimale Arbeitsbedingungen.“ Zudem wäre eine Berufsfeuerwehr erheblich teurer. Die Stadt unterhält drei Schulen, die auch Kinder der umliegenden Gemeinden besuchen, eine Stadtbücherei, ein Jugendzentrum und ein Hallenbad.
Hinzu kommt die Schlossinsel. Das denkmalgeschützte Ensemble, bestehend aus Amtsgericht, Gerichtsschreiberhaus, Herrenhaus und Schlossgefängnis, war bis ins 19. Jahrhundert Sitz der dänischen Verwaltung. In den 1980er Jahren schenkte das Land die Gebäude der Stadt. Ein „vergiftetes Geschenk“, so Rodenberg, denn nun muss Barmstedt die denkmalgerechte Sanierung mit einer zukunftsfähigen, möglichst klimaneutralen Wärmeversorgung unter einen Hut bringen. Kosten von 20 Millionen Euro aufwärts stehen im Raum. Mindestens ein Drittel muss Barmstedt tragen.
Keine Frage: Hund Freddie wird dringend gebraucht, damit der Bürgermeister beim Hundespaziergang um den See und über die Schlossinsel den Kopf frei bekommt.
Dieser Artikel stammt aus der DEMO-Heftausgabe 1/2026.